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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 41 Antworten
und wurde 3.104 mal aufgerufen
 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2
LePenseur ( gelöscht )
Beiträge:

30.12.2010 19:28
#26 RE: Zitat des Tages: Ramsauer gegen Denglisch antworten

@john j:

Zitat
Danke, langt schon. Ich habe bereits das Beduerfnis Ludwig Thoma's "Der Vertrag" mal wieder zu lesen...


Na sehen Sie — ich trage zur Auffrischung Ihrer Bildung bei! Ich habe trotzdem gewagt ... wenn Sie also so geneigt sein wollen, zu verzeihen ...

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

30.12.2010 19:38
#27 Sprache und Kultur antworten

Zitat von vielleichteinlinker
Ich finde nicht dass man in Deutschland respektlos mit der Sprache umgeht. Von daher erübrigt sich jeder Vergleich. Mir ist übrigens keines bekannt dass überhaupt "respektlos" mit der Sprache umgeht.

Hm, lieber Vielleichteinlinker, vielleicht ist Ihnen aber bekannt, wie respektvoll Frankreich mit seiner Sprache umgeht? (Ja, "Frankreich"; siehe die Diskussion mit Gansguoter über Ellipsen).

Uns fehlt in Deutschland ein Gegenstück zur Académie Française. Die Dudenredaktion ist dafür offenbar kein Ersatz, und schon gar nicht die "Gesellschaft für deutsche Sprache", die sich schon durch die Wahl ihres "Worts des Jahres" disqualifiziert.

Was macht den Respekt vor der Sprache aus, wie ihn Frankreich pflegt, wie er durchaus in vielen anderen Ländern gepflegt wird? Das Bestreben, die Sprache als ein verbindliches Regelsystem zu erhalten.

Ein verbindliches! Eine Kultur besteht wesentlich in dem, was alle ihre Mitglieder als für sich verbindlich akzeptieren. Man redet nicht, wie man will. Man spricht und schreibt nicht, wie man will; sondern man hält sich an die Grammatik, die lexikalische Semantik, die Orthographie der jeweiligen Sprache.

Wenn eine Kultur (es muß nicht unbedingt ein einziges Land sein; bei uns ist es der deutsche Sprachraum) ihre Sprache verkommen läßt, dann ist das ein Symptom dafür, daß diese Kultur die Achtung vor sich selbst verliert.

Man kann das - Gansguoter könnte das besser und genauer erläütern - am Niedergang des Lateinischen in der Spätantike sehen, das sich immer mehr in zahlreiche Varianten von Vulgärlatein auflöste.

Übrigens war die Einführung von Neuschreib, die sogenannte "Rechtschreibreform" ein bedenkliches Anzeichene mangelnden Respekts vor der eigenen Sprache. Ohne jede Notwendigkeit wurde da herumgedoktert und gequacksalbert, daß es zum Grausen ist.

Herzlich, Zettel

john j Offline




Beiträge: 588

30.12.2010 20:42
#28 RE: Zitat des Tages: Ramsauer gegen Denglisch antworten

"Aber ich sehe wirklich nicht den großen Sinn darin, z.B. »Meeting« statt »Besprechung« zu sagen, oder warum ich einen »Berater« als »Consultant« bezeichnen soll."

Und deswegen ist es ja gut dass ihnen das auch keiner vorschreibt, (sie koennen weiterhin Besprechung, Berater, Treffpunkt etc sagen oder schreiben) - im Gegensatz zu Dr P Ramsauer der, falls sie fuer ihen arbeiten, ihnen vorschreibt Klapprechner statt laptop zu sagen/schreiben/texten etc.

"...wo ständig was »gecheckt« und »reviewed« werden muß, wo Termine nicht abgesagt, sondern »gecancelled« werden — bitteschön, was soll dieser Unsinn!?"

Da kann ich auch nicht weiterhelfen - fragen sie halt beim naechsten Mal denjenigen der so was von sich gibt.


"Wenn der arme Ramsauer quasi gemaßregelt wird, weil er in dem Interview nicht auf eine internationale vergleichende Studie über die Sprachverhunzungskoeffizienten in sämtlichen (oder doch zumindest einer Reihe von repräsentativ ausgewählten) Ländern der Erde verweist, sondern ganz umgangssprachlich das ausdrückt, was offensichtlich ist und ihn (und viele andere) ärgert. Ich brauche an der Supermarkt-Kassenschlange auch kein olefaktorisches Fachgutachten, um den Herrn vor mir (den im fleckigen Trainingsanzug mit dem Anorak drüber) mit Schweiß- und Mundgeruch als Ferkel einzustufen, dem eine Grundreinigung guttäte ..."

Nun Monsewer Le Penseur - ueber ihre olfaktischen Begabungen kann ich nicht weiter urteilen. Ich bin aber sicher dass sie vollkommen in Ordnung sind. Worum es aber ging war der Unterschied zwischen "geben" und "kennen" - und eine "zusinnbare" (ein tolles Wort das sicher nie von einem Anglizismus ersetzt wird) Grenze fuer das "kennen". So wie es ausschaut sind wir uns aber nun einig dass der arme Ramsauer "geben" meinte und "kennen" sagte. In diesem Sinne: Happy New Year!

Gorgasal Offline




Beiträge: 3.969

30.12.2010 21:00
#29 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat von Zettel
Uns fehlt in Deutschland ein Gegenstück zur Académie Française.


Oder zur Real Academia Española.

--
La historia claramente demuestra que gobernar es tarea que excede la capacidad del hombre. - Nicolás Gómez Dávila, Escolios a un Texto Implícito

vielleichteinlinker ( gelöscht )
Beiträge:

30.12.2010 23:27
#30 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat
Hm, lieber Vielleichteinlinker, vielleicht ist Ihnen aber bekannt, wie respektvoll Frankreich mit seiner Sprache umgeht? (Ja, "Frankreich"; siehe die Diskussion mit Gansguoter über Ellipsen).


Ich denke das kann man unterschiedlich sehen. Ob sich tatsächlich Million Franzosen in den Vorstädten daran halten was die Academie so sagt? Meine Wahrnehmung ist eher die dass die Academie soviel Einfluss auf die französische Sprache hat wie es das ZK auf das "Weihnachtsdeutsch" der DDR hatte.

Zitat
Uns fehlt in Deutschland ein Gegenstück zur Académie Française. Die Dudenredaktion ist dafür offenbar kein Ersatz, und schon gar nicht die "Gesellschaft für deutsche Sprache", die sich schon durch die Wahl ihres "Worts des Jahres" disqualifiziert.


Die Dudenreaktion ist auch weder der Sprachpflege noch irgendetwas artverwandtem verpflichtet. "Große Hure Duden" grölt es deswegen immer wieder wenn es "voipen" oder "cloud" in den Duden schaffen. Der Duden ist ein Wörterbuch das den Sprachgebrauch widerspiegelt.

Zitat
Die Dudenredaktion ist dafür offenbar kein Ersatz, und schon gar nicht die "Gesellschaft für deutsche Sprache", die sich schon durch die Wahl ihres "Worts des Jahres" disqualifiziert.


Da Sie gerne gutmenschliches Verhalten unterstellen darf ich Ihnen sagen, dass Sie als bürgerwütender Blogger beim diesjährigen Wort etwas befangen sind. Ansonsten fand und finde ich die "Worte des Jahres" sehr passend. Ein Blick und man weiß was in dem betreffenden Jahr wirklich oben war in den Schlagzeilen.

Aber, was rede ich. Mein Punkt war dass wir nicht respektlos mit unserer Sprache umgehen (und mit dem Umgang nicht den Spitzenplatz unter den Respektlosen einnehmen), dass Sprache ihren Sprechern gehört und keiner Akademie oder dem Verein Deutsche Sprache die im "Rechtschreibreformstau" ihre Vorstellungen von richtigem Deutsch durchsetzen wollen. Die sind anscheinend akzeptiert.

vielleichteinlinker ( gelöscht )
Beiträge:

30.12.2010 23:41
#31 RE: Zitat des Tages: Ramsauer gegen Denglisch antworten

Zitat
Also, das hätte schon gepaßt. Nun hat sich aber halt der Laptop und dann das Notebook durchgesetzt, und das sollte man schon respektieren.



Warum hier und beim "Meeting" nicht. Immerhin verdrängt das "meeting" die Besprechung noch nicht einmal, wie es der "Laptop" mit dem "Klapprechner" gemacht hat.

Zitat
Das ist nun wirklich auch im Englischen ein albernes Wort. Es ist ja dem ursprünglichen "Desktop" nachgebildet, also dem Rechner, den man on the top of the desk stellen konnte, im Gegensatz zu den vorausgehenden Boliden, die den halben Raum füllten.


Den Namen einer Sache auf diese Art zu bewerten - ich weiß nicht. Ich finde "Flugzeug" auf dieser Ebene auch albern. Aber es ist eben der Name. Zumal das "-top" doch eigentlich so sinnvoll ist wie das "Klapp-".

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

31.12.2010 01:17
#32 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat von vielleichteinlinker

Zitat
Hm, lieber Vielleichteinlinker, vielleicht ist Ihnen aber bekannt, wie respektvoll Frankreich mit seiner Sprache umgeht? (Ja, "Frankreich"; siehe die Diskussion mit Gansguoter über Ellipsen).


Ich denke das kann man unterschiedlich sehen. Ob sich tatsächlich Million Franzosen in den Vorstädten daran halten was die Academie so sagt? Meine Wahrnehmung ist eher die dass die Academie soviel Einfluss auf die französische Sprache hat wie es das ZK auf das "Weihnachtsdeutsch" der DDR hatte.



Dieses kenne ich leider nicht; was ist das und wie hat das ZK das beeinflußt?

Was nun Frankreich angeht: Die meisten Franzosen leben nicht in den Vorstädten. Sie leben in den Großstädten, den Kleinstädten, auf dem Land. Sie lesen die Hauptstadtzeitungen, sie lesen sehr viel ihre Provinzpresse (das sind die wirklich einflußreichen Tageszeitungen - La Dépêche du Midi, Nice-Matin, Sud-Ouest, Les Dernières Nouvelles d'Alsace usw.).

Und sie lesen Nachrichtenmagazine, die Franzosen. Sie haben nicht nur zwei, wie wir, sondern gleich vier. Das größte (meist knapp vor dem zweitgrößten) ist der Nouvel Observateur, vom Einfluß her dem "Spiegel" vergleichbar. Und wofür interessieren sich die Leser dieses Magazins in ihrem Urlaub? Raten Sie mal!

Zitat
Die Dudenreaktion ist auch weder der Sprachpflege noch irgendetwas artverwandtem verpflichtet. "Große Hure Duden" grölt es deswegen immer wieder wenn es "voipen" oder "cloud" in den Duden schaffen. Der Duden ist ein Wörterbuch das den Sprachgebrauch widerspiegelt.


So ist es, und deshalb fehlt uns eben etwas der Académie Française Vergleichbares.

Zitat
Mein Punkt war dass wir nicht respektlos mit unserer Sprache umgehen (und mit dem Umgang nicht den Spitzenplatz unter den Respektlosen einnehmen), dass Sprache ihren Sprechern gehört und keiner Akademie oder dem Verein Deutsche Sprache die im "Rechtschreibreformstau" ihre Vorstellungen von richtigem Deutsch durchsetzen wollen.


Ich stimme keinem dieser Punkte zu, lieber Vielleichteinlinker. Sie haben sie, vermute ich, in einem früheren Beitrag aufgeführt, den ich nicht gelesen habe. (Es gibt auch ein Leben außerhalb des Internet).



Die deutschsprachigen Länder gehen leider respektlos mit ihrer Sprache um, sonst hätte sie eben eine Einrichtung, die sich der Pflege der Sprache widmet, und dann hätte man nicht diesen Unsinn des Neuschreib eingeführt.

Die Aussage, daß "die Sprache ihren Sprechern gehört", verstehe ich nicht. Schon gar nicht verstehe ich sie von einem Linken. Wie stellen Sie sich denn Eigentumsrechte an einer Sprache vor? Jeder Sprecher darf Sprachaktien kaufen? Jeder darf die Sprache verhunzen, weil sie ja sein Eigentum ist?

Nein, das geht nicht.

Wenn Sie sich die Sprach- und die Kulturgeschiche ansehen, dann werden Sie feststellen, daß eine Sprache ihre dann für Jahrhunderte gültige Form jeweils in einer Zeit kultureller Blüte erlangte; das Griechische in der klassischen Zeit des fünften und vierten vorchristlichen jahrhunderts, das Latein im ersten vorchristlichen und zu Beginn des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, das Englische und Französische im 17. Jahrhundert und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, das Deutsche im 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Das sind die Zeiten der großen Autoren, eines geistigen Aufbruchs, einem schnellen Voranschreiten des Denkens - in der griechischen Antike die Zeit zwischen der ionischen Naturphilosophie und Aristoteles, die Zeit von Euripides und Aristophanes; in Rom die Zeit von Virgil, Cicero, Livius und Ovid; in England die Zeit von Shakespeare und Milton; in Frankreich die Zeit von Corneille und Molière bis zur Zeit von Diderot und d'Alembert.

In Deutschland begann diese Zeit, in der die Sprache ihre heutige Gestalt annahm, mit Klopstock und Lessing, und sie endete mit dem späten Goethe und der Spätromantik. Also ein knappes Jahrhundert. Mehr als ein, maximal zwei Jahrhunderte dauern diese klassischen Zeiten im allgemeinen nicht.

An dem, was damals geschaffen wurde, hat niemand ein Eigentumsrecht. Aber alle, die sich der deutschen Kultur zugehörig fühlen, haben die Pflicht, es zu bewahren.

Sie können, lieber Vielleichteinlinker, diese Pflicht natürlich ablehnen und sich aus der deutschen Kultur verabschieden.

Das ist ihr gutes Recht. Jeder kann ein Erbe ausschlagen. Nur kann man sich dann nicht zugleich als dessen Eigentümer fühlen.

Herzlich, Zettel

vielleichteinlinker ( gelöscht )
Beiträge:

02.01.2011 01:16
#33 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat
So ist es, und deshalb fehlt uns eben etwas der Académie Française Vergleichbares.


Ja, und die Straßenkehrer kehren die Straßen obwohl sie eigentlich...

Zusammengefasst muss man hier sagen dass Sie in guter, rechter Tradition einfach mangels Argumenten hinter und unter Ihr Niveau zurückfallen. Da will ich Ihnen nicht folgen. Wir können gerne ernsthaft und in der Sache reden, sich aber mit kleinen Spielereien wie

Zitat
Die Aussage, daß "die Sprache ihren Sprechern gehört", verstehe ich nicht. Schon gar nicht verstehe ich ihn von einem Linken. Wie stellen Sie sich denn Eigentumsrechte an einer Sprache vor? Jeder Sprecher darf Sprachaktien kaufen? Jeder darf die Sprache verhunzen, weil sie ja sein Eigentum ist?


aufzuhalten, dafür ist die schöne Neujahrszeit mit ihrem Leben "außerhalb des Internet" mir zu schade.

Zitat
Die deutschsprachigen Länder gehen leider respektlos mit ihrer Sprache um, sonst hätte sie eben eine Einrichtung, die sich der Pflege der Sprache widmet, und dann hätte man nicht diesen Unsinn des Neuschreib eingeführt.


Neuschreib meint wohl die Rechtschreibreform. Über die ich mich auf dem "Huhuhu - ich vergleich mal mit Orwell..."-Niveau nicht äußern will. Selbst wenn die Niveauabsenkung von Ihnen kam.
Was den Respektlos-Teil angeht: Wenn alles, was nicht die AF ist "respektlos" ist, dann ja, sind wir das mit unsere Sprache. Wie viele Sprachen werden dann denn noch mit "Respekt" behandelt? Wie viele Länder behandeln ihre Sprache und Sprachen dann mit Respekt? Will meinen: Die Zahl dürfte dann so gering sein dass es sehr unseriös ist den Respekt ein einer (oder wie vielen=) Academie(n) festzumachen. Denn wir wollen ja darüber reden wie "respektlos" wir mit unserer Sprache umgehen, nicht wie "respektvoll" es andere (vielleicht) tun.

Zitat
Sie können, lieber Vielleichteinlinker, diese Pflicht natürlich ablehnen und sich aus der deutschen Kultur verabschieden.

Das ist ihr gutes Recht. Jeder kann ein Erbe ausschlagen. Nur kann man sich dann nicht zugleich als dessen Eigentümer fühlen.



Moment, ich darf entweder mich aus der deutschen Kultur verabschieden oder ja was tun? Ramsauers Sprachignoranz folgen? Ihre Sprachvorstellungen teilen? Das verstehe ich nicht. Ich nutze meine Sprache täglich. Ich versuche mich an die Regeln zu halten und wenn ein neues Wort daherkommt dass einen Teil meiner Lebenswirklichkeit besser beschreibt als die, die ich schon kenne, dann nehme ich es gerne auf. So wie wir alle das tun. Das machen wir mit deutschen wie mit anderen Worten und verändern so den Wortschatz. Ich sehe darin nicht schlechtes, "verhunzendes". Eher einen Gewinn für die Sprache.

Ich schlage kein Erbe aus. Ich spreche Deutsch. Und wie jeder Sprecher vor und wie jeder nach mir, passe ich die Sprache meiner Lebenswirklichkeit an und mache dabei das, was die meisten anderen Sprecher auch tun. So werde ich verstanden und so entwickelt sich die Sprache weiter und weiter. Vielleicht zurück zu Goethe, vielleicht zu einer Varietät die in hundert Jahren gesprochen werden wird, vielleicht gar nicht. Die Vorstellung diesen Prozess steuern zu müssen um nicht in kulturelle Undeutschsein zu verfallen, ist absurd. So wie sich die Sprachen zu den kulturellen "Höhepunkten" entwickelt haben so entwickeln sie sich eben weiter. Und Cicero hätte an Molière wohl ebenso seine Freude gehabt wie Goethe an Freud oder Shakespeare an Salinger.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

02.01.2011 04:05
#34 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat von vielleichteinlinker
Ich spreche Deutsch. Und wie jeder Sprecher vor und wie jeder nach mir, passe ich die Sprache meiner Lebenswirklichkeit an und mache dabei das, was die meisten anderen Sprecher auch tun. So werde ich verstanden und so entwickelt sich die Sprache weiter und weiter. Vielleicht zurück zu Goethe, vielleicht zu einer Varietät die in hundert Jahren gesprochen werden wird, vielleicht gar nicht.


So ist es, lieber vielleichteinlinker. Und was davon passiert und wie es passiert, das hängt teils von denen ab, die diese Sprache nur sprechen, teils aber insbesondere auch von denen, die sich auch mit ihr befassen und die sie pflegen.

Ungefähr so, wie der Zustand eines Autos vom Fahrer abhängt, aber auch davon, wie gut seine Werkstatt ist.

Zitat von vielleichteinlinker
So wie sich die Sprachen zu den kulturellen "Höhepunkten" entwickelt haben so entwickeln sie sich eben weiter. Und Cicero hätte an Molière wohl ebenso seine Freude gehabt wie Goethe an Freud oder Shakespeare an Salinger.


Das vermute ich auch. Schön, daß Sie Freud erwähnen, dessen Theorien problematisch sind, der aber ein hervorragendes Deutsch geschrieben hat. Wissenschaftler, denen die deutsche Sprache am Herzen lag, sind gar nicht so selten - Lichtenberg, Schopenhauer, Max Weber gehören dazu. Und umgekehrt: Wer umständlich und verworren schreibt, wie Hegel, Marx und ihre Epigonen, der ist meist auch ein unsauberer Denker.

Die Sprache bestimmt zwar nicht das Denken, wie Sapir und Whorf meinten; aber sie ist doch das wesentliche Instrument des Denkens, neben der Mathematik und der visuellen Imagination. Verlottert die Sprache, dann verludert auch das Denken.

Die Arbeiten von Freud hätte Goethe, was die Sprache angeht, vermutlich gern gelesen. Dies vermutlich weniger gern:

Zitat
... wenn der gendarm dir auf den fersen ist, bist du pur zombie, weil du ja krumm bist und immer schön an der wand klebst, bevor der handel in die gänge kommt, und's geschäft blüht und rankt bis zum großen bang. Die cashen dich, so sicher wie'n amen ist das, da kannst du die eier verwetten, daß du dich mit deiner scheiße ins olle aus kickst.


Herzlich, Zettel

vielleichteinlinker ( gelöscht )
Beiträge:

02.01.2011 11:30
#35 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat
So ist es, lieber vielleichteinlinker. Und was davon passiert und wie es passiert, das hängt teils von denen ab, die diese Sprache nur sprechen, teils aber insbesondere auch von denen, die sich auch mit ihr befassen und die sie pflegen.



Das muss aber keine AF sein und auch keine andere sprachpflegerische Wahrheitsverkünderin in Bürokratenmontur. Es reichen die Sprecher der Sprache denn niemand weiss besser, was die Sprache kann, können muss, wie sie aussehen und klingen soll. So hat es das Englische bis Shakespeare und das Deutsche zu Goethe geschafft. Und es ist seit dem nicht schlimmer geworden. Und schon gar nicht wird es schlimmer wenn wir "Laptop" und "Meeting" sagen.

Zitat
Wer umständlich und verworren schreibt, wie Hegel, Marx und ihre Epigonen, der ist meist auch ein unsauberer Denker.


Da ist meiner Ansicht nach Sprache das Abbild des Denkens. Wer einen Gedanken noch nicht zu ende gebracht hat der wird ihn auch unsauber aufschreiben. In Seminararbeiten erkennt man das meist daran, dass die Anführungszeichen häufiger werden und die Umschreibungen schwammig. Das ist dann auch grammatisch schwer im Griff zu halten und schon wird's holprig.

Zitat
... wenn der gendarm dir auf den fersen ist, bist du pur zombie, weil du ja krumm bist und immer schön an der wand klebst, bevor der handel in die gänge kommt, und's geschäft blüht und rankt bis zum großen bang. Die cashen dich, so sicher wie'n amen ist das, da kannst du die eier verwetten, daß du dich mit deiner scheiße ins olle aus kickst.



Als Zitat vielleicht. Wahrscheinlich hat er etwas vergleichbares aber auch gehört. Wenn er in Frankfurt durch die Altstadt gelaufen wäre, hätte er ein Deutsch gehört dass er vielleicht auch furchtbar gefunden hätte. Übrigens finde ich die Sprache des Absatzes nicht schön genug um sie selbst zu sprechen und würde damit wahrscheinlich auch scheitern. Aber die Idee, mit der Sprache so sehr zu spielen ist beeindruckend und das hätte Goethe wahrscheinlich auch gefallen. Auch wenn er moniert hätte dass so niemand spricht und schon gar nicht in solch sauberer Rechtschreibung. "und's" mit dem "'", da klebt jemand an Regeln die doch wohl eher hinderlich sind (Aus sicht des fiktiven Sprechers).

LePenseur ( gelöscht )
Beiträge:

03.01.2011 12:08
#36 RE: Sprache und Kultur antworten

@vielleichteinlinker:

Zitat
Es reichen die Sprecher der Sprache denn niemand weiss besser, was die Sprache kann, können muss, wie sie aussehen und klingen soll. So hat es das Englische bis Shakespeare und das Deutsche zu Goethe geschafft.

Nun, ein Blick in deutsche Literatur vor Goethe (resp. die Brüder Grimm) erhüllt Ihnen die Verluderung, in der diese deutsche Sprache dahinvegetierte. Nehmen Sie einen x-beliebigen Essay aus Frankreich um, sagen wir, 1650 — Sie werden gegenüber heutigem Französisch nur geringe Unterschiede feststellen. Sicher: der Stil hat sich geändert — aber Rechtschreibung, Grammatik, Syntax etc. sind nahezu unverändert geblieben. Das erleichtert die Lesbarkeit solcher Texte für die Nachwelt enorm! Wer hier einem ungehemmten Wildwuchs das Wort redet, nimmt zumindest (!) billigend in Kauf, daß die Denkarbeit vergangener Jahrhunderte uns nicht mehr präsent sein kann, da die Hürden der Lesbarkeit einfach zu schwer überwindlich werden. Hans Weigel hat seine vehemente Ablehnung der geplanten Rechtschreibreform u.a. damit begründet, daß dadurch quasi der Kanon der Literatur und Geistesgeschichte neu definiert wird: was in »Neuschreibe« wieder aufgelegt wird, bestimmen nur teilweise Marktkräfte, zum anderen (und vermutlich für »hoch- und schöngeistige Werke«: größeren!) Teil aber die Kulturselektionsprogramme des Staates über die Subventionierung von Neuauflagen. Wer der Kulturpolitik des Jahres 2011 nicht erhaltenswert wird, wird nicht neu aufgelegt. Es droht damit ein Kulturkahlschlag, wie ihn in der Nazizeit die Abschaffung der Frakturschrift bedeutete. Unzählige Schriftsteller des 19. Jahrhunderts waren damit faktisch »tote Literatur« — und blieben es bis heute.

Zitat
Wer einen Gedanken noch nicht zu ende gebracht hat der wird ihn auch unsauber aufschreiben. In Seminararbeiten erkennt man das meist daran, dass die Anführungszeichen häufiger werden und die Umschreibungen schwammig. Das ist dann auch grammatisch schwer im Griff zu halten und schon wird's holprig.

Die Häufung von Anführungszeichen, schwammigere Umschreibungen etc. lasse ich als Symptome von »Gedankenarbeit« durchaus gelten. Warum man das dann aber grammatikalisch falsch schreiben müssen sollte, erschließt sich mir nicht ganz.

Zitat
Wenn er in Frankfurt durch die Altstadt gelaufen wäre, hätte er ein Deutsch gehört dass er vielleicht auch furchtbar gefunden hätte.

Sie gestatten, daß ich »daß«-Fehler auch furchtbar finde ... und ich meine jetzt nicht die Frage »daß« vs. »dass«, sondern »das« vs. »daß/dass«. Das eine ist eine Konvention (die m.E. sinnloserweise geändert wurde, und jetzt alle Bücher »vor der Reform« faktisch zu Makulatur werden läßt — s.o.), das andere ein Zeichen, daß jemand schlampig spricht (und vermutlich auch: denkt).

Leibniz Offline




Beiträge: 383

03.01.2011 17:11
#37 RE: Zitat des Tages: Ramsauer gegen Denglisch antworten

Zitat von LePenseur
— und ich hoffe damit bis zu meiner Pensionierung durchzuhalten.

Genauso ist es. Auf die damit angedeutete Weise wird ein Großteil der hier angesprochenen Probleme gelöst werden.

Zitat von LePenseur
Für Piefkes (Achtung, ich versuche mich in Berlinerisch ): »Nich' mal ijnorier'n!«

Von einem Berliner habe ich auch die perfekte Eindeutschung von 'Laptop' gelernt: Schlepptop.

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

03.01.2011 18:01
#38 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat von vielleichteinlinker

Zitat
So ist es, lieber vielleichteinlinker. Und was davon passiert und wie es passiert, das hängt teils von denen ab, die diese Sprache nur sprechen, teils aber insbesondere auch von denen, die sich auch mit ihr befassen und die sie pflegen.



Das muss aber keine AF sein und auch keine andere sprachpflegerische Wahrheitsverkünderin in Bürokratenmontur. Es reichen die Sprecher der Sprache denn niemand weiss besser, was die Sprache kann, können muss, wie sie aussehen und klingen soll. So hat es das Englische bis Shakespeare und das Deutsche zu Goethe geschafft.



Nein, lieber Vielleichteinlinker, "das Deutsche" hat es nicht geschafft, so wenig, wie sich "die Produktivkräfte" entwickeln.

Eine Sprache wie das klassische Griechisch, das klassische Latein, das Englisch der Shakespeare-Zeit und das Deutsch von Lessing und Goethe entsteht nicht, um Marx' Begriff zu verwenden, "naturwüchsig", sondern sie wird von einer Elite geschaffen.

Wenn man die Sprache "dem Volk" überläßt, dann sinkt sie ab; zu besichtigen im schon erwähnten Vulgärlatein, in der Pidginisierung, die dort zu beobachten ist, wo eben nur noch "das Volk" Träger der Sprache ist.

Die Sprache wird dann zwar unter Umständen farbig und auch ganz witzig, aber sie eignet sich nicht mehr dazu, komplexe Gedanken auszudrücken und in sprachlichen Kunstwerken verwendet zu werden.

Es bedarf schon der Anstrengung der Besten, die Sprache zu einer Höhe zu bringen, wie sie diese in der jeweiligen Klassik erreicht hat; ich habe das schon im einzelnen aufgezählt.

Jedenfalls beim Deutschen geschah das auch ganz bewußt; jemand hat, glaube ich, schon Philip von Zesen erwähnt. Schauen Sie sich, lieber Vielleichteinlinker, das unbeholfene Barockdeutsch an und dann das, was ein Jahrhundert später Männer wie Klopstock und Lessing aus der deutschen Sprache gemacht hatten. Die Vorarbeit leisteten die "Sprachreiniger", so kurios manche ihrer Schöpfungen uns heute auch erscheinen mögen.

Vertrauen in das Volk ist fast immer unbegründet; Kultur ist das Werk weniger. Wenn sich in einer Kultur die Meinung durchsetzt, daß sie auf eine Elite verzichten kann, weil ja jeder sie "trägt", dann gibt diese Kultur sich auf.

Herzlich, Zettel

Zettel Offline




Beiträge: 20.200

03.01.2011 18:28
#39 Schlepptop antworten

Zitat von Leibniz
Von einem Berliner habe ich auch die perfekte Eindeutschung von 'Laptop' gelernt: Schlepptop.

Das war, lieber Leibniz, einmal allgemein gängig; und zwar in der Zeit, in der aus dem Portable ein Laptop wurde. Das waren ja anfangs wirklich noch Ungetüme, die man wie einen kleinen Koffer herumschleppte.

Eine der ersten war übrigens die Portable-Version des C64, die ich mir fast gekauft hätte. Mit einem winzigen Bildschirm, auf dem kaum etwas zu erkennen war (und das hat mich dann auch abgeschreckt): noch eine CRT. LCDs gab es ja noch nicht zu erschwinglichen Preisen.

Da eine CRT zu versorgen war, hielt die Batterie natürlich auch nicht lange. Das Schleppen bestand folglich hauptsächlich darin, daß man das Monstrum von einer Stromquelle zur nächsten schleppte.

Herzlich, Zettel

Nachtrag: Ich habe jetzt nachgesehen: Diese Version hieß SX64, wog schlappe 10,5 kg und hatte gar keinen Akku; man konnte ihn also überhaupt nur von Steckdose zu Steckdose schleppen.

Gorgasal Offline




Beiträge: 3.969

03.01.2011 18:52
#40 RE: Sprache und Kultur antworten

Zitat von Zettel
Vertrauen in das Volk ist fast immer unbegründet; Kultur ist das Werk weniger.


Oi, das ist ja elitär , schämen Sie sich denn gar nicht?

--
Vertrauen in das Volk ist fast immer unbegründet; Kultur ist das Werk weniger. - Zettel

LePenseur ( gelöscht )
Beiträge:

03.01.2011 19:21
#41 RE: Sprache und Kultur antworten

@Zettel:

Zitat
Vertrauen in das Volk ist fast immer unbegründet; Kultur ist das Werk weniger. Wenn sich in einer Kultur die Meinung durchsetzt, daß sie auf eine Elite verzichten kann, weil ja jeder sie "trägt", dann gibt diese Kultur sich auf.

Grandioser Aphorismus! Ich erlaube mir, das in meine Rubrik »Rechtes Wort zu rechter Zeit« aufzunehmen ...

califax Offline




Beiträge: 1.499

07.01.2011 23:51
#42 RE: Zitat des Tages: Ramsauer gegen Denglisch antworten

Zitat von Zettel

Ramsauers Vorgänger als Minister scheinen übrigens von einem Extrem ins andere gefallen zu sein. Denn gerade die Deutsche Bahn alias Bundesbahn war ja lange Zeit dafür berüchtigt, mit seltsamen Wörtern zu hantieren. Die Fahrkarte, die sie heute Ticket nennt, durfte damals nicht so heißen, sondern war ein "Fahrausweis". Die Karten wurden nicht gestempelt (früher gelocht), sondern "entwertet" usw.



Da muß es allerdings ein Nest geben, wo derlei Sprache als ganz normal empfunden wird. Im deutschen Sportbetrieb gibt es beispielsweise Jahressichtmarken, wo andere Verbände einfach Ausweise oder Abos verteilen.

--
Der Weg zur Hölle beginnt mit dem Monopol auf Moral.

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