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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 70 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
Seiten 1 | 2 | 3
Meister Petz Offline




Beiträge: 3.494

14.04.2018 11:51
#51 RE: Cui bono? antworten

Zitat
Wenn wir nicht gewesen wären, die gute alte USA, dann würdet ihr heute den ganzen Tag Sauerkraut fressen und pausenlos Marschmusik hören.


Fun fact: Hier haben wir es (ähnlich wie bei The Big Lebowski) mit einem Fall zu tun, wo die deutsche Synchronisation eindeutige Bezüge aufs Dritte Reich entfernt hat. Hier die Szene im Original (https://www.youtube.com/watch?v=PoaOwSPJPHw ab 2:40), ich empfehle besonderes Augenmerk darauf, woraus man die "Marschmusik" gemacht hat.

Gruß Petz

Free speech is so last century. (Brendan O'Neill)

Llarian Online



Beiträge: 4.243

14.04.2018 12:21
#52 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Meister Petz im Beitrag #51

Zitat
Wenn wir nicht gewesen wären, die gute alte USA, dann würdet ihr heute den ganzen Tag Sauerkraut fressen und pausenlos Marschmusik hören.

Fun fact: Hier haben wir es (ähnlich wie bei The Big Lebowski) mit einem Fall zu tun, wo die deutsche Synchronisation eindeutige Bezüge aufs Dritte Reich entfernt hat. Hier die Szene im Original (https://www.youtube.com/watch?v=PoaOwSPJPHw ab 2:40), ich empfehle besonderes Augenmerk darauf, woraus man die "Marschmusik" gemacht hat.


In der Tat witzig, aber vielleicht auch einfach die Angst davor einen auf die Nuss zu bekommen. Ich kann mich erinnern das in Deutschland das legendäre Doom eingezogen wurde (also verboten, nicht nur für Jugendliche sondern auch für Erwachsene) weil in einer einzelnen Karte an einer Ecke der Flurplan ein Hakenkreuz enthalten war. In Deutschland hat man staatlicherseits offensichtlich Angst das irgendwo in unserem genetischen Code ein Nazigen verborgen ist, das sich unwiederbringlich aktiviert, wenn es nur getriggert wird. Die erste Strophe des Deutschlandliedes mag auch ein solcher Trigger sein.

Florian Offline



Beiträge: 2.362

14.04.2018 15:32
#53 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #52
Zitat von Meister Petz im Beitrag #51

Zitat
Wenn wir nicht gewesen wären, die gute alte USA, dann würdet ihr heute den ganzen Tag Sauerkraut fressen und pausenlos Marschmusik hören.

Fun fact: Hier haben wir es (ähnlich wie bei The Big Lebowski) mit einem Fall zu tun, wo die deutsche Synchronisation eindeutige Bezüge aufs Dritte Reich entfernt hat. Hier die Szene im Original (https://www.youtube.com/watch?v=PoaOwSPJPHw ab 2:40), ich empfehle besonderes Augenmerk darauf, woraus man die "Marschmusik" gemacht hat.

In der Tat witzig, aber vielleicht auch einfach die Angst davor einen auf die Nuss zu bekommen. Ich kann mich erinnern das in Deutschland das legendäre Doom eingezogen wurde (also verboten, nicht nur für Jugendliche sondern auch für Erwachsene) weil in einer einzelnen Karte an einer Ecke der Flurplan ein Hakenkreuz enthalten war. In Deutschland hat man staatlicherseits offensichtlich Angst das irgendwo in unserem genetischen Code ein Nazigen verborgen ist, das sich unwiederbringlich aktiviert, wenn es nur getriggert wird. Die erste Strophe des Deutschlandliedes mag auch ein solcher Trigger sein.



Wobei (weiterer fun fact) bis 1990 (!) das komplette Deutschlandlied - incl. erster Strophe - Nationalhymne war.
Dass das Singen der ersten Strophe verboten sei, ist ein oft gehörter aber dennoch falscher Mythos.

Und noch ein fun fact:
Das Ausmaß in dem deutsche Filmsynchronisationen bereinigt werden um den deutschen Zuhörer nicht zu "überfordern", ist atemberaubend.
Ein andauernder Skandal den hierzulande nur kaum jemand mitbekommt, weil alle Filme immer nur in der (politisch geschönten) Synchronisation sehen.
Dabei geht es gar nicht immer nur um die Beseitigung von Nazi-Bezügen. Sondern auch ganz allgemein von negativen Deutschland-Bildern.

Das geht über kleinere Text-Retuschen weit hinaus. Im Einzelfall wird auch mal eine komplette Filmhandlung umgeschrieben.
Zum Beispiel im ersten "Stirb langsam"-Film. Im Original wird ein Büroturm von deutschen Terroristen besetzt (was die von Bruce Willis gespielte Hauptfigur auch gleich an deren Akzent erkennt).
In der deutschen Synchronisation ist dann immer von "europäischen" Terroristen die Rede. Und die Hauptfigur gibt an seinen Partner per Funkgerät durch: "Es sind europäische Terroristen. Habe ich an ihren europäisch geschnittenen Anzügen erkannt". Lächerlich.
Aus der "Radical West-German Volksfrei Movement" wird eine "europäische" Terror-Gruppe, aus dem Terroristen "Hans" wird in der deutschen Übersetzung ein "Jack", aus Karl ein "Charlie", usw.

Gut erklärt wurde z.B. einmal im Blog "USA erklärt", wie häufig es in amerikanischen Filmen Nazi-Bezüge gibt und wie systematisch diese der deutschen Synchronisation zum Opfer fallen.
Siehe hier:
https://usaerklaert.wordpress.com/2006/0...liche-begriffe/
Zitat:
"Allgemein sind sich Deutsche nicht bewusst, wie viele Anspielungen auf den Nationalsozialismus – sprachliche oder sonstige – in amerikanischen und britischen Filmen zu finden sind, da sie bei der Synchronisation systematisch entfernt werden. So übersteht auch bei der TV-Serie Buffy the Vampire Slayer selbst ein ironisches “Heil” der jüdischen (!) Figur Willow Rosenberg nicht die Eindeutschung "

Eine gute Erklärung des dahinter stehenden Mechanismus findet sich hier:

http://www.theverge.com/2015/6/24/880972...nal-translation

Hier geht es um die Probleme beim Übersetzen der amerikanischen Fernsehsendung "Seinfeld".

Demnach ist das ziemlich schwierig, weil der Sprachwitz des Originals so schwer zu übersetzen ist.
In allen ausländischen Märkten war daher Seinfeld weniger erfolgreich als in den USA. Das ist kein speziell deutsches Problem.

Speziell in Deutschland kam aber laut dem Artikel ein weiteres Phänomen hinzu:
Die inhaltliche Beschneidung von allem, was eine Nazi-Anspielung hat.
(Und weil der Charakter "Seinfeld" nun mal ein New Yorker Jude ist, gib es solche Anspielungen in der Serie jede Menge).

Zitat:
Seinfeld’s Jewish references posed a unique challenge: as Sebastian [Anm.: die Übersetzerin] explained, "The Germans have a certain you-know-what with the Jewish." Her editor was worried about some of Seinfeld’s Jewish jokes. "We better not say it like that," she remembered her editor saying, "because the Germans may be offended."


Geradezu unglaublich:
Subtle reference to an uncle who survived a concentration camp? Not so fast. An entire episode based on George being mistaken for a neo-Nazi was problematic. So were references to the TV miniseries Holocaust and the film Schindler’s List.


Also nur zum Mitschreiben:
Es gibt da eine amerikanische Sendung, in der ein Onkel vorkommt, der ein KZ überlebt hat.
Und in der deutschen Synchronisation wird diese Information herausgeschnitten!!
Ebenso Bezugnahmen auf die BBC-Serie "Holocaust" und auf den Film Schindlers Liste.
Und auch dass einer der Hauptfiguren fälschlich für einen Neonazi gehalten wird, wird in der deutschen Synchronisation unterdrückt.

Wie krank ist das denn? Warum darf man dem deutschen Zuschauer keine Bezugnahmen auf Nazis, KZs etc. zumuten?
In meinen Augen ein echter Skandal.

Dennis the Menace Offline




Beiträge: 414

14.04.2018 19:35
#54 RE: Cui bono? antworten

Zitat von R.A. im Beitrag #47


Im übrigen waren Korea und Vietnam m. W. auch die beiden einzigen Fälle, in denen die USA explizit zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie in diesen Ländern in den Krieg gezogen sind.


Das kann schon sein, aber Kalkulationen Kriege betreffend sind nu mal extrem riskant. Hier bezüglich Vietnam die Expertise eines Herrn, der sich da eigentlich ganz gut auskennen muss:

Zitat von Lyndon B. Jonhson
That bitch of a war killed the lady I really loved -- the Great Society



Zitat von R.A. im Beitrag #47

Was sehr stark Schuld von Anti-US-Demagogen ist, von Schröder angefangen bis heute AfD/Linke.......


Klar, stimmt, solche Affekte gibt es, das gleicht sich dann wieder aus durch gefühlte Amerikaner ehrenhalber draußen im Lande, Trumpisten und so was, was den Verdacht jener Eigenschaft erhärtet, die uns treuen Deutschen, die doch immer nur nett sein und die Welt beraten wollen, neben dem bereits diskutierten Sauerkraut sowie der Marschmusik bösartigerweise auch schon unterstellt wurde:

Zitat von Winston Churchill
The Hun is always either at your throat or your feet



Am Ende des Tages gibt's indessen alles woanners auch , zum Beispiel Sauerkraut; gab es schon vor den Deutschen.
Zum Beispiel auch das:

Zitat von R.A. im Beitrag #47

Imperiale Großmachtphantasien sind keine Grundbedürfnisse. Die echten Bedürfnisse der Russen gehen mit dem wirtschaftlichen Niedergang den Bach runter.


Sie mögen das so sehen, ich sehe das auch so. Aber dass für Otto/Ivan/Joe Normalo Großmachtphantasien Grundbedürfnisse sein können, ist zwar unverständlich, aber wahr


lich
Dennis

Meister Petz Offline




Beiträge: 3.494

14.04.2018 19:57
#55 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Florian im Beitrag #53
Und noch ein fun fact:
Das Ausmaß in dem deutsche Filmsynchronisationen bereinigt werden um den deutschen Zuhörer nicht zu "überfordern", ist atemberaubend.
Ein andauernder Skandal den hierzulande nur kaum jemand mitbekommt, weil alle Filme immer nur in der (politisch geschönten) Synchronisation sehen.
Dabei geht es gar nicht immer nur um die Beseitigung von Nazi-Bezügen. Sondern auch ganz allgemein von negativen Deutschland-Bildern.

Das geht über kleinere Text-Retuschen weit hinaus. Im Einzelfall wird auch mal eine komplette Filmhandlung umgeschrieben.
Zum Beispiel im ersten "Stirb langsam"-Film. Im Original wird ein Büroturm von deutschen Terroristen besetzt (was die von Bruce Willis gespielte Hauptfigur auch gleich an deren Akzent erkennt).
In der deutschen Synchronisation ist dann immer von "europäischen" Terroristen die Rede. Und die Hauptfigur gibt an seinen Partner per Funkgerät durch: "Es sind europäische Terroristen. Habe ich an ihren europäisch geschnittenen Anzügen erkannt". Lächerlich.
Aus der "Radical West-German Volksfrei Movement" wird eine "europäische" Terror-Gruppe, aus dem Terroristen "Hans" wird in der deutschen Übersetzung ein "Jack", aus Karl ein "Charlie", usw.

Danke für diesen wichtigen Hinweis. Dieses Phänomen ist nämlich deutlich tiefgreifender, um es nur mit der Standardvermutung einer allmächtigen Political Correctness zu erklären. Sondern es speist sich m.E. viel mehr aus einer anderen deutschen Kollektivneurose: der Sehnsucht, von anderen Völkern geliebt zu werden. Und deshalb werden, wie Sie richtig schreiben, negative Deutschlandbilder an sich eliminiert.

Die Generation meiner Eltern z.B. konnte sich fürchterlich darüber aufregen, dass z. B. in englischen Kriegsfilmen der Nachkriegszeit die Deutschen in der Regel als tumbe, gewalttätige Vollidioten dargestellt wurden - vielleicht erklärt auch dieses bis heute bestehende Trauma den Wunsch des Kollegen Gauland nach mehr Stolz auf die Leistungen der Wehrmacht - weil er sie in seiner Jugend jahrzehntelang von der alliierten Unterhaltung verspottet erleben musste.

Das Interessante ist ja, dass deutsche Filme oft erfolgreich sind, wenn sie gesellschaftskritisch sind und vor Nazibezügen strotzen. Hollywood dagegen verzeiht man das nicht (das ist quasi Siegerjustiz als Unterhaltung verkleidet), und deshalb werden die Filme "entschärft". Ich finde übrigens, dass das gar nicht widersprüchlich zur deutschen Art der Vergangenheitsbewältigung ist, denn eine der wesentlichen Komponenten ist, dass wir das gefälligst selber machen.

Gruß Petz

Free speech is so last century. (Brendan O'Neill)

Tiefseetaucher Offline




Beiträge: 288

15.04.2018 11:34
#56 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Florian im Beitrag #53

Ein andauernder Skandal den hierzulande nur kaum jemand mitbekommt, weil alle Filme immer nur in der (politisch geschönten) Synchronisation sehen.


Wenn man die Filme grundsätzlich im Original sieht, bekommt man auch nicht mit, dass die deutsche Synchronisation politisch geschönt ist.

Political Correctness ist nichts anderes als betreutes Denken.

crastro Offline



Beiträge: 178

15.04.2018 12:55
#57 RE: Cui bono? antworten

Zitat
Ich finde die Frage kann und darf man schon stellen, lieber crastro



Lieber Llarian,
ok, da liegen Sie (und Werwohlf,R.A.)mit der Frage doch richtig. Bin einfach davon ausgegangen, daß selbiges hier zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Mein Fehler.Persönlich halte ich mich für sehr demokratisch denkend, was allerdings Kritik nicht ausschliesst.Andere mögen das nicht so sehen.Bin in einer Zeit aufgewachsen, in der sich das bei uns richtig, aber langsam entwickelt hat und, offen gestanden, ziemlich erschüttert zu sehen, wie sich da vieles wieder zurück entwickelt.Einer der Gründe, hier mitzulesen.

Um nicht ein extra Fass aufzumachen, will ich meine Sichtweise erklären und auch meine Überlegung: So in einer Diktatur es den Menschen tatsächlich gut geht, vor allem im Hinblick auf ihre Nachbarländer, dann werden die kaum ihren Wohlstand aufgeben wollen für Freiheit und Demokratie. Wie heisst es so schön: "Erst kommt das Fressen und dann die Moral".Der Satz ist nur allzu wahr.
Konkret beziehe ich mich auf die Beispiele Libyen und Syrien. Die Syrer mögen gegen Assad sein, aber was ihnen blüht, wenn der auch weg gebombt wird, konnten sie am anderen Beispiel recht genau sehen. Da wird ihnen Assad schlicht und einfach lieber sein. Sonst hätte der kaum so lange sich wehren können ohne jeden Rückhalt bei den Menschen dort.Wäre ich "Verschwörungstheoretiker", dann könnte ich mit gutem Grund behaupten, daß vielleicht gerade der Umstand des Wohlstandes in Libyen der Grund war, warum deren Diktator sterben musste.Er hat einfach ein schlechtes Beispiel gegeben....

An sich dachte ich, derlei sei hier allen klar.

Das gilt mit ziemlicher Sicherheit auch für andere Länder wie Russland und den einen oder anderen Nachfolgestaat.Jelzins Zeit liegt noch nicht so lange zurück. Die Russen wissen schon, wem sie ihren Aufschwung und natürlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu verdanken haben.Ersteres wird Putin zugeschrieben, letzteres dem "Westen". Da brauchts nicht mal viel Propaganda.Erwarten Sie oder der eine oder andere Kollege wirklich, daß die Menschen dort alles fürs Versprechen von Freiheit und Demokratie aufgeben? Ich nicht.

Zitat
Sachsen Anhalt ? Siegburg Aue ? Wer ist SA?


So ich im Satz drüber extra Saudi-Arabien nenne, ist diese Abk. natürlich nicht nachvollziehbar- bitte um Entschuldigung

Meine Frage bezog sich übrigens ziemlich bewusst auf eine etwas kürzere Zeit, nämlich die letzten 50 Jahre(es können auch 40 sein, bitte nicht wörtlich nehmen; so ich genauer sein wollte, ist es die Zeit ab 1990). Die von Ihnen angeführten Beispiele stimmen natürlich, sehe das ganz genau so. Sind Sie aber nie auf den Gedanken gekommen, daß sich die USA geändert haben könnten? Glaube ich nicht, folglich sind diese Beispiele nicht mehr viel wert.Die Russen haben sich auch geändert.

Jetzt muss nicht jede Änderung eine Verschlechterung bedeuten. Im Handeln der Erstgenannten erkenne ich derlei aber recht klar.

Nachtrag: In dem Zusammenhang eine Frage: Gibts denn überhaupt irgend ein arabisches Land mit "Freiheit und Demokratie"? Mir fällt nämlich keines ein.Könnte es daran liegen, daß die Menschen dort es auch genau so haben wollen?

Frankenstein Offline




Beiträge: 519

15.04.2018 15:20
#58 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Florian im Beitrag #53
Wie krank ist das denn? Warum darf man dem deutschen Zuschauer keine Bezugnahmen auf Nazis, KZs etc. zumuten?
In meinen Augen ein echter Skandal.

Da habe ich mir - da ich praktisch ausschliesslich Filme im englischsprachigen Original ansehe - doch glatt nochmal die 8. Folge der 3. Staffel von "Orange is the New Black" rausgesucht, um zu sehen wie die das mit der Judenfrage und der Seife übersetzt wurde.

Die Übersetzung geht prinzipiell in Ordnung:

Obgleich der deutsche Untertitel eine Nummer härter ist und in der Synchronisation milder daherkommt - aus der "Judenfrage" im Untertitel wurde das etwas mildere "jüdisches Problem" - deckt sich die Übersetzung mit dem Original ("jewish problem"). Hier übertrifft also zumindest der Untertitel sogar mal das Original.

Llarian Online



Beiträge: 4.243

15.04.2018 21:58
#59 RE: Cui bono? antworten

Zitat von crastro im Beitrag #57
Persönlich halte ich mich für sehr demokratisch denkend, was allerdings Kritik nicht ausschliesst.

Ich mich nicht. Ist das jetzt überraschend? :)

Zitat
Bin in einer Zeit aufgewachsen, in der sich das bei uns richtig, aber langsam entwickelt hat und, offen gestanden, ziemlich erschüttert zu sehen, wie sich da vieles wieder zurück entwickelt.


Das haben wir gemeinsam.

Zitat
So in einer Diktatur es den Menschen tatsächlich gut geht, vor allem im Hinblick auf ihre Nachbarländer, dann werden die kaum ihren Wohlstand aufgeben wollen für Freiheit und Demokratie. Wie heisst es so schön: "Erst kommt das Fressen und dann die Moral".Der Satz ist nur allzu wahr.


Ja. Und doch wieder nein. Das ist die Geschichte vom guten Diktator. Und da sind durch die Jahrhunderte(!) nicht nur ein paar durchaus sehr gebildete Menschen drauf gefolgt. Das funktioniert tatsächlich (einige Kollegen werden mir da widersprechen), aber es ist ein unterlegenes System. Weil erst Freiheit den menschlichen Geist voll freisetzen kann und nicht wenige Menschen, die für das Funktionieren einer Gesellschaft von großer Bedeutung sind, den Wert der Freiheit für sich schätzen.

Zitat
Konkret beziehe ich mich auf die Beispiele Libyen und Syrien. Die Syrer mögen gegen Assad sein, aber was ihnen blüht, wenn der auch weg gebombt wird, konnten sie am anderen Beispiel recht genau sehen. Da wird ihnen Assad schlicht und einfach lieber sein.


Und genau das glaube ich nicht. Sonst würden sie ihn wählen. Ein wirklich beliebter "Diktator" könnte die Menschen wählen lassen. Dann wäre er allerdings kein Diktator mehr.

Zitat
Das gilt mit ziemlicher Sicherheit auch für andere Länder wie Russland und den einen oder anderen Nachfolgestaat.Jelzins Zeit liegt noch nicht so lange zurück. Die Russen wissen schon, wem sie ihren Aufschwung und natürlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu verdanken haben.Ersteres wird Putin zugeschrieben, letzteres dem "Westen".


Und beides ist falsch. Denn tatsächlich verdanken die Russen den wirtschaftlichen Aufschwung fast ausschließlich westlicher Technologie. Russland nutzt die selben Technologie, die westliche Staaten durch Freiheit(!) in den Jahren vorher entwickelt haben. Das gilt nebenbei auch für China. Die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Russland heute hat, sind zu einem Teil eine ziemlich direkte Folge von Putin (Der andere Teil ist der Verfall des Gaspreises, dafür kann Putin natürlich nix.). Ich weiß das in Russland tatsächlich, nicht zuletzt durch Jahre, sagen wir recht einseitiger Berichterstattung, dies nicht wirklich mehrheitsfähig ist. Aber richtig ist es trotzdem. Insofern wissen die Russen vermutlich nicht wem sie ihren Aufschwung verdanken. Naja, unter den Nachkommen türkischer Gastarbeiter hält sich auch die Legende das Wirtschaftswunder sei eben jenen Gastarbeitern zu verdanken.

Zitat
Erwarten Sie oder der eine oder andere Kollege wirklich, daß die Menschen dort alles fürs Versprechen von Freiheit und Demokratie aufgeben?


Nein, ganz und gar nicht. Das muss erst rumsen, damit es die Menschen wirklich verstehen. Die Menschen müssen das Elend erleben, dass eine Diktatur mit sich bringt, um wirklich davon überzeugt zu werden, dass das der falsche Weg ist. Ich glaube nicht, dass dieses Land, in dem wir heute leben, durch die Zeit der Bonner Republik so enorm erfolgreich gewesen wäre, wenn der Absturz vorher nicht so gewaltig gewesen wäre.

Zitat
Meine Frage bezog sich übrigens ziemlich bewusst auf eine etwas kürzere Zeit, nämlich die letzten 50 Jahre(es können auch 40 sein, bitte nicht wörtlich nehmen; so ich genauer sein wollte, ist es die Zeit ab 1990). Die von Ihnen angeführten Beispiele stimmen natürlich, sehe das ganz genau so. Sind Sie aber nie auf den Gedanken gekommen, daß sich die USA geändert haben könnten?


Aber nicht in der Richtung, die Sie implizieren. Allenfalls darin, dass die USA heute schwächer aufreten als vor 50 oder gar 80 Jahren. Sie sind nicht mehr so effizient.

Zitat
Die Russen haben sich auch geändert.


In welcher Beziehung?

Zitat
Im Handeln der Erstgenannten erkenne ich derlei aber recht klar.


Zum Beispiel?

Zitat
Gibts denn überhaupt irgend ein arabisches Land mit "Freiheit und Demokratie"? Mir fällt nämlich keines ein.Könnte es daran liegen, daß die Menschen dort es auch genau so haben wollen?


Hmmm. Heisst das dann, dass das dritte Reich richtig war? Oder die DDR? Und wenn die Leute es so haben wollen, warum gibt es dann Diktatoren? Warum werden Kritiker eingesperrt, gefoltert, ermordet?

Werwohlf Offline




Beiträge: 844

15.04.2018 22:24
#60 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Florian im Beitrag #53
Wie krank ist das denn? Warum darf man dem deutschen Zuschauer keine Bezugnahmen auf Nazis, KZs etc. zumuten?
Wirklich verwunderlich, zumal das im deutschen Alltag doch die gängige Kritikwährung darstellt.

--
Bevor ich mit den Wölfen heule, werd‘ ich lieber harzig, warzig grau,
verwandele ich mich in eine Eule oder vielleicht in eine graue Sau.
(Reinhard Mey)

Werwohlf Offline




Beiträge: 844

15.04.2018 22:35
#61 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Meister Petz im Beitrag #55
Das Interessante ist ja, dass deutsche Filme oft erfolgreich sind, wenn sie gesellschaftskritisch sind und vor Nazibezügen strotzen. Hollywood dagegen verzeiht man das nicht (das ist quasi Siegerjustiz als Unterhaltung verkleidet), und deshalb werden die Filme "entschärft". Ich finde übrigens, dass das gar nicht widersprüchlich zur deutschen Art der Vergangenheitsbewältigung ist, denn eine der wesentlichen Komponenten ist, dass wir das gefälligst selber machen.
Interessante und (wenigstens mich) überzeugende These, alte Bärenklaue. Man sollte Hollywood wirklich mehr als das amerikanische Phänomen betrachten, das es ist, und nicht etwa mit einer Art Welt-Filmindustrie verwechseln. Das heißt, Hollywood transportiert eben auch vor allem amerikanische Sichtweisen und damit auch amerikanische Klischees in die Welt, so wie z.B. deutsche und französische Filme das auf ihre Weise auch tun. Man hat mehr davon, wenn man versucht, es zu verstehen, als wenn man es kritisiert oder gar versteckt. Meine persönliche Erfahrung mit Amerikanern ist übrigens, dass sie sich von dem Unsinn, den sie bisher vielleicht annahmen, auch wieder sehr schnell zu verabschieden bereit sind, wenn sie ihn mit der Realität konfrontiert sehen. Da sind wir auf Treue geeichten Germanen doch irgendwie resistenter...

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Werwohlf Offline




Beiträge: 844

15.04.2018 22:38
#62 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Tiefseetaucher im Beitrag #56
Wenn man die Filme grundsätzlich im Original sieht, bekommt man auch nicht mit, dass die deutsche Synchronisation politisch geschönt ist.
Bewundernswert. Ich verstehe akzent- und slangbeladenes, mitunter heftig genuscheltes "Englisch" viel zu schlecht, um mir das generell antun zu wollen.

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Meister Petz Offline




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15.04.2018 22:42
#63 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Werwohlf im Beitrag #62
Zitat von Tiefseetaucher im Beitrag #56
Wenn man die Filme grundsätzlich im Original sieht, bekommt man auch nicht mit, dass die deutsche Synchronisation politisch geschönt ist.
Bewundernswert. Ich verstehe akzent- und slangbeladenes, mitunter heftig genuscheltes "Englisch" viel zu schlecht, um mir das generell antun zu wollen.

Ich bei manchen Akzenten auch. Dann ist Englisch mit englischen Untertiteln das Mittel der Wahl.

Gruß Petz

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Werwohlf Offline




Beiträge: 844

15.04.2018 22:52
#64 RE: Cui bono? antworten

Zitat von crastro im Beitrag #46
Wer sanktioniert denn sonst? Bitte eine Gegenfrage als Antwort zu akzeptieren.

Zugegeben kenne ich mich da nicht aus, deshalb frage ich, ob , beispielsweise, China denn Taiwan sanktioniert?
Vielleicht hatte ich mich falsch ausgedrückt, aber in Demokratien werden Regierungen, die etwas tun, was der Mehrheit der Bevölkerung nicht gefällt, gerne auch mal abgewählt. Ist in Russland jetzt irgendwie nicht so häufig vorgekommen, oder? Aber vielleicht ist dieses Land - dank sei seinen weisen Führern - ja auch in der glücklichen Lage, nur über Regierungen zu verfügen, die immer die Mehrheit zufrieden stellen.
Zitat von crastro im Beitrag #46
Tun pensionierte Veteranen dies wirklich? Bei der BuWe eher ja, bei anderen weiss ich es nicht.Erhalten solche Leute im vergleichbaren Russland etwa nichts? Sonst weiss ich nur, daß deren Regelaltersgrenze für die Rente bei 60 liegt (Frauen sogar niedriger).Lebenserwartung ist auch niedriger, allerdings in den letzten Jahren angestiegen.
Man korrigiere mich, aber der Lebensstandard auch in den USA scheint mir doch deutlich höher zu sein als in Russland.
Zitat von crastro im Beitrag #46
Sind Freiheit und Demokratie so hohe Werte an sich, daß selbige höher einzuschätzen sind als die Grundbedürfnisse oder ist es nicht so, daß zuerst die letzteren gedeckt werden sollten? Konkret: Erwarten Sie nach 70 Jahren Kommunismus in einem Vielvölkerstaat einen schnellen und reibungslosen Übergang zur Demokratie? War das bei uns auch so, oder hats da nicht kräftig geholpert?Kann mich da noch an manchen Holperer erinnern, beispielsweise den nahtlosen Übergang vieler PGs unseliger Zeiten zu plötzlich "gestandenen" Demokraten in hohen Positionen.
Es gibt da diese Mindestanforderung an eine Dmeokratie: Man muss eine Regierung abwählen können. Das ist - aber man korrigiere mich, wenn ich falsch liege - in allen postkommunistischen Staaten Europas wiederholt geschehen. Russland scheint da eine interessante Ausnahme zu sein.

--
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(Reinhard Mey)

Werwohlf Offline




Beiträge: 844

15.04.2018 22:59
#65 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Meister Petz im Beitrag #63

Ich bei manchen Akzenten auch. Dann ist Englisch mit englischen Untertiteln das Mittel der Wahl.
Ach herrje, das artet ja in Arbeit aus. Und das nur, um irgendwelche Nuancen mitzubekommen, die nach ein paar Tagen eh wieder vergessen sind? Von den nicht zu Vergessenden erfährt man ja auch so überall . Aber nun gut, mir entgehen als Automatikkäufer auch alle Feinheiten des Fahrens. Muss ich mit leben.

--
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(Reinhard Mey)

Frankenstein Offline




Beiträge: 519

16.04.2018 01:09
#66 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Werwohlf im Beitrag #65
Zitat von Meister Petz im Beitrag #63

Ich bei manchen Akzenten auch. Dann ist Englisch mit englischen Untertiteln das Mittel der Wahl.
Ach herrje, das artet ja in Arbeit aus. Und das nur, um irgendwelche Nuancen mitzubekommen, die nach ein paar Tagen eh wieder vergessen sind? Von den nicht zu Vergessenden erfährt man ja auch so überall . Aber nun gut, mir entgehen als Automatikkäufer auch alle Feinheiten des Fahrens. Muss ich mit leben.


Na ja, Arbeit.

Wenn Sie sich erstmal daran gewöhnt haben, werden deutsche Synchronisationen in der Regel ungeniessbar. Verhält sich in etwas so ähnlich wie die Einstellung zu sozialistischem Gedankengut nach einer soliden ökonomischen Alphabetisierung ;)

crastro Offline



Beiträge: 178

16.04.2018 07:41
#67 RE: Cui bono? antworten

Lieber Llarian,

Zitat
Denn tatsächlich verdanken die Russen den wirtschaftlichen Aufschwung fast ausschließlich westlicher Technologie

Na und? Ist dem nicht überall so? Tatsächlich ist Russland heute ein kapitalistisches Land, folglich ist dies kaum verwunderlich.

Zitat
Ist das jetzt überraschend? :)

Nein, Sie gäben sicherlich einen guten Diktator ab (kleiner Scherz)

Zitat
Das ist die Geschichte vom guten Diktator.

......welche prima vergleichbar mit den früheren Feudalherren ist. Deren System hat ziemlich lange funktioniert.Hat uns kulturell vieles beschert.Schulsystem im Kaiserreich Österreich war ziemlich gut. Übrigens gings den Menschen im deutschen Kaiserreich auch nicht schlecht (im Vergleich zu den Nachbarn).

Zitat
Sonst würden sie ihn wählen.

Irgendeine Art von "Wahl" gibts dort; vermutlich an unsere Ex-DDR angenähert.....

Zitat
Die Menschen müssen das Elend erleben

meine Sicht ist, daß es in Russland gerummst hat- zu Jelzins, des westlich angenäherten Demokraten, Zeiten. Spielt eine grosse Rolle. Denen gings deutlich schlechter als vorher.Da stimmte die Gleichung "Freiheit,Demokratie=
besser fürs Volk" einfach nicht.Stimmt die heute noch für die USA?

Zitat
Allenfalls darin, dass die USA heute schwächer aufreten als vor 50 oder gar 80 Jahren.

Nicht nur uneffizient, sondern ziemlich gleichgültig der Bevölkerung gegenüber, mein Eindruck. Die haben keine Führung mehr, denen es wirklich um die jeweiligen Menschen geht; es sei denn, zu Reklamezwecken.

Zitat
In welcher Beziehung?

Die können, einfaches Beispiel, heute ziemlich frei reisen; wird sogar vom Staat gefördert.

Zitat
Heisst das dann, dass das dritte Reich richtig war?

Gute Frage, die ich nicht wirklich beantworten kann. Aus heutiger Sicht eindeutig nein.Rein persönlich bin ich gottfroh ob des verlorenen Krieges;vermutlich hätte ich sonst als irgendeine Art von Standortkommandant in einem sibirischen Wehrbauerndorf geendet- keine erfreuliche Perspektive. Ob das allerdings auch für die Sicht der Menschen damals galt, bezweifle ich.Hinterher ist man immer schlauer.

R.A. Offline



Beiträge: 7.319

16.04.2018 09:42
#68 RE: Cui bono? antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #59
Denn tatsächlich verdanken die Russen den wirtschaftlichen Aufschwung fast ausschließlich westlicher Technologie ...

... und steigenden Rohstoffpreisen.

Zitat
Die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Russland heute hat, sind zu einem Teil eine ziemlich direkte Folge von Putin (Der andere Teil ist der Verfall des Gaspreises, dafür kann Putin natürlich nix.).


Auch für den zweiten Teil kann Putin teilweise etwas: Der Gaspreis ist deswegen mit seinem Auf und Ab so durchschlagend auf die russische Wirtschaft, weil sich keine anderen Sektoren entwickeln können, mit denen alternativ Geld verdient werden könnte.
Und das liegt halt stark an Putins Herrschaftssystem. Wirtschaftlich betätigen können sich Oligarchen mit guten Beziehungen zur Politik. Und die schaffen nichts, sondern die verwalten nur Monopoleinkommen.
Kreative Start-Ups (und intelligente Köpfe dafür gäbe es) brauchen in erster Linie Rechtssicherheit und Schutz vor der Kleptokratie.

crastro Offline



Beiträge: 178

16.04.2018 17:44
#69 RE: Cui bono? antworten

Lieber Werwohlf,

Zitat
Man muss eine Regierung abwählen können


Kann man das in Russland etwa nicht? Angeblich waren die Wahlen doch fair.

Die Deutschen tun sich doch mit Abwahl auch ziemlich schwer.

Unabhängig davon halte ich hier das US-System mit maximal einer Wiederwahl für vorbildlich.

Llarian Online



Beiträge: 4.243

16.04.2018 22:10
#70 RE: Cui bono? antworten

Zitat von crastro im Beitrag #67
Ist dem nicht überall so? Tatsächlich ist Russland heute ein kapitalistisches Land, folglich ist dies kaum verwunderlich.

Verwunderlich ist es auch nicht. Aber es ist eben eine Diskrepanz zwischen dem was die Leute wahrnehmen und was tatsächlich der Fall ist. Die meisten Leute weltweit, und das schließt eben auch die meisten Russen ein, realisieren nicht, dass der unglaubliche Reichtum, den die Menschheit derzeit erreicht hat, zu guten Teilen auf Technologie aufgebaut ist, die in freien Ländern entstanden ist. Dabei geht es nicht einmal um Kapitalismus, auch kommunistische Länder leben von dieser Technologie.

Zitat
Nein, Sie gäben sicherlich einen guten Diktator ab (kleiner Scherz)


Wenn ich es kurz als Nichtscherz auffassen darf: Ich gäbe einen grauenhaften Diktator ab. Nur weiss ich das auch. Ich glaube nicht an gute Diktatoren, weil ich die Erkenntnis von Lord Acton aufgenommen habe: Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut. Was ich mit meinem kleinen Halbsatz ausdrücken wollte ist eher, dass ich Demokratie nicht für das wichtigste halte und in einem freien Rechtsstaat sich die Frage nach der Demokratie kaum noch stellen sollte.

Zitat
......welche prima vergleichbar mit den früheren Feudalherren ist Deren System hat ziemlich lange funktioniert.Hat uns kulturell vieles beschert.


Nicht in Anbetracht des Zeitrahmens. Diktaturen sind ja nun seit Jahrtausenden am Start und wie lange haben sie gebraucht um etwas zu entwickeln? Sehen Sie sich aber die Entwicklung in den Ländern an, die die Freiheit entdeckt haben! Die Aufklärung führte direkt in die industrielle Revolution. Der Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner ist gerade mal 250 Jahre her und sehen Sie, was die Amerikaner in dieser Zeit geleistet haben. Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat sind allesamt Booster für eine Gesellschaft, die mit nichts anderem vergleichbar ist. Natürlich "funktionieren" Diktaturen auch. Aber sie sind schlecht für die Bürger und furchtbar ineffizient. Was meinen Sie warum die Russen den kalten Krieg in Bausch und Bogen verloren haben? Doch nicht weil sie dümmer wären als die Amerikaner. Sondern weil die Amerikaner ein überlegenes System am Start haben.

Zitat
meine Sicht ist, daß es in Russland gerummst hat- zu Jelzins, des westlich angenäherten Demokraten, Zeiten. Spielt eine grosse Rolle. Denen gings deutlich schlechter als vorher.Da stimmte die Gleichung "Freiheit,Demokratie= besser fürs Volk" einfach nicht.


Das ist natürlich eine weit verbreitete Sicht. Die übrigens keinesfalls auf Russland beschränkt wäre. Als die DDR in den neunziger Jahren abgewickelt wurde (anders kann man das kaum sagen), ging es vielen Leuten auch schlecht und sie schimpften auf das neue System. Vorher hatten sie "Arbeit", jetzt keine mehr. Was man den Leuten aber nicht ins Gesicht sagte war das simple: Das das keine Folge des neuen Systems war sondern eine Altlast von dem, was vorher war. Die DDR war im Laufe von Jahrzehnten mehr und mehr hinter den Westen zurück gefallen, konnte das aber lange maskieren. Es wurde erst offenkundig als der Zusammenbruch vorrüber war. Und das führt dann zu Verklärungen. In der Sovietunion ist es nicht viel anders: Unter Jelzin ging es vielen Russen nicht gut, weil einfach keine Substanz da war, weil eben vorher keine mehr da war. Es war eine Folge von Jahrzehnten der Misswirtschaft. Das es unter Putin erst einmal besser wurde hat nichts mit der Diktatur oder Putin selber zu tun, sondern damit, dass Russland massiv vom Anstieg der weltweiten Rohstoffpreise profitierte. Und Freiheit und Demokratie bedeutet eben nicht, dass einem morgen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Es bedeutet das die Dinge sich langfristig besser entwickeln. Und dafür gibt es weltweit etliche Beispiele. Der DDR geht es heute(!) besser.

Zitat
Stimmt die heute noch für die USA?


Die USA sind eines der reichsten Länder der Welt mit einem BSP pro Kopf das ein gutes Viertel höher ist als das deutsche.

Zitat
Nicht nur uneffizient, sondern ziemlich gleichgültig der Bevölkerung gegenüber, mein Eindruck. Die haben keine Führung mehr, denen es wirklich um die jeweiligen Menschen geht; es sei denn, zu Reklamezwecken.


Man kann amerikanischen Präsidenten viel vorwerfen, aber genau dieses Vorwurf würde ich nicht einmal Obama, dem Versager, machen wollen. Ist natürlich auch nur mein Eindruck. Aber ich nehme viel mehr in der deutschen Politik diese Tendenz wahr. Wir haben eine unglaublichen Hang zum Elitarismus, der in Amerika ja nun viel weniger stark zu finden ist.

Zitat
Ob das allerdings auch für die Sicht der Menschen damals galt, bezweifle ich.Hinterher ist man immer schlauer.


Die Sicht vermutlich nicht, ich bin ziemlich sicher, dass gerade zu Hochzeiten des dritten Reiches, eine breite Mehrheit hinter den Nazis stand. Nur: Wir haben ja den Vorteil, dass wir von außen drauf schauen können. Und dann muss(!) man zu dem Ergebnis kommen, dass das dritte Reich nicht gut für die Menschen war. Um bei unserem Thema zu bleiben: Ich könnte mir vorstellen, dass tatsächlich eine Mehrheit hinter Putin steht (wenn auch eine deutlich geringere, als sich in den derzeitigen Wahlen zeigt). Und das die Mehrheit auch all das glauben, was wir weiter oben beschrieben haben. Das macht es aber deswegen nicht richtig. Putin schadet seinem Land recht nachhaltig.
Erlauben Sie mir eine kleine Liebeserklärung an Russland: Das Land ist riesig, nicht groß, es ist riesig. Und es ist reich. Steinreich. Ich kenne noch von der Schule den Spruch, dass dem lieben Gott, als er die Rohstoffe auf der Welt verteilte, über Sibirien die Finger zitterten und er die meisten fallen lies. Und ich kenne und schätze die russische Ingenieurskunst, die Bildung, die Kultur. Das Potential dieses Landes ist riesig, die Ausgangssituation besser als bei 95% anderer Staaten weltweit. Und es wird so wenig daraus gemacht. Das kleine China nebenan, deutlich kleiner, deutlich ärmer, deutlich ungebildeter, schafft jedes Jahr Wachstumsraten um die 8%. Und das bei einer zu versorgenden Bevölkerung die bald zehnmal so groß ist. Wo ist Russland dagegen? Stellen wir uns vor Russland wäre wirklich ein kapitalistischer, freiheitlicher Rechtsstaat mit nicht nur "lupenreiner" Demokratie. Die würden sich über die 2% Wachstum in Deutschland doch totlachen.

Frankenstein Offline




Beiträge: 519

16.04.2018 23:25
#71 RE: Cui bono? antworten

Zitat von crastro im Beitrag #69
Lieber Werwohlf,

Zitat
Man muss eine Regierung abwählen können

Kann man das in Russland etwa nicht? Angeblich waren die Wahlen doch fair.

Die Deutschen tun sich doch mit Abwahl auch ziemlich schwer.

Unabhängig davon halte ich hier das US-System mit maximal einer Wiederwahl für vorbildlich.


In Russland ist es üblich, kübelweise vorausgefüllte Stimmzettel in die Urnen zu werfen.

Videos davon gibt es youtube zuhauf.

Der Gegensatz zu DDR-Wahlen ist der, dass nicht 99,9%-Ergebnisse für eine Einheitsliste anvisiert, sondern auch Zählkandidaten zugelassen werden (nur sofern sie nicht zu sehr nerven und/oder vorher auf offener Strasse erschossen werden).

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