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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 79 Antworten
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 Kommentare/Diskussionen zu "Zettels Raum"
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stefanolix Offline



Beiträge: 1.959

03.04.2012 18:12
#76 RE: Marginalie: Das falsche Wort Antworten

Zitat von Calimero
Geht's nicht noch eine Nummer größer? Warum wird nicht gleich Kassel in Halit-Yozgat-Stadt umbenannt? Mit folgender Inschrift auf den extra vergrößerten Ortseingangsschildern:

Zitat
„Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!“

Selbstverständlich in den 25 meistgesprochenen Sprachen der Welt.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inlan...n-11706631.html




Der Text sollte dringend überarbeitet werden. Einige spontane Gedanken:

- Gibt es einen Mord ohne Menschenverachtung? Im Verbrechen »Mord« ist immer die tiefste Verachtung für das Opfer enthalten.
- Der Ausruf »Nie wieder!« ist einerseits als Wunsch für die Zukunft eine Selbstverständlichkeit,
- andererseits können wir aber als Bürger keinen terroristischen Mord dieser Art verhindern.
- Kein Bürger konnte damals erkennen, dass die Ermittler auf der falschen Fährte waren.
- Wofür sollen wir uns jetzt im Nachhinein also glaubwürdig schämen? Man schämt sich, wenn man einen Fehler gemacht hat.

Der Text ist schon in der deutschen Sprache schwer verständlich. Vor einer Übersetzung in andere Sprachen müsste man ihn klar und prägnant formulieren.

Die Aktion mag gut gemeint sein, aber der Text ist einfach schlecht formuliert. Vorschlag:

Wir gedenken der Opfer der neonazistischen Mordserie der Jahre 2000 bis 2007.

Darunter sollten in würdevoller Form die Namen der Opfer stehen.

Calimero Offline




Beiträge: 3.280

03.04.2012 18:37
#77 RE: Marginalie: Das falsche Wort Antworten

Zitat von stefanolix
Der Text sollte dringend überarbeitet werden.


Gut, dass der Text nicht von mir ist. Ich musste ja erst im Duden nachgucken, ob es das Wort "neonazistisch" überhaupt offiziell gibt (gibt es).

Ich persönlich finde selbst die Gedenktafeln schon übertrieben, aber gut, kann man machen. Wie ist es jetzt aber mit den angekündigten Straßenumbenennungen? Ist das nicht eine effekthascherische Überkompensation der Stadtoberen?
In Kassel soll es ja nun nicht die Holländische Straße betreffen, weil deren Geschichtsbezug da zu wichtig ist. Welche soll es dann sein? Eine Sackgasse? Irgendwas Unbedeutendes im Gewerbegebiet? Was würde den Opfern gerecht werden?

Wie bringt man Anwohnern in irgendeiner Straße (deren Bedeutung unwichtig ist) bei, dass sie jetzt ihre Anschriften/Briefköpfe/Stempel usw ändern müssen? Vielleicht mit einem für deutsche Zungen schwer aussprechbaren Straßennamen?

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Calimeros Rumpelkammer - Ein Raum für freie Rede und Gedanken, mittendrin im Irrenhaus.

stefanolix Offline



Beiträge: 1.959

03.04.2012 19:27
#78 RE: Marginalie: Das falsche Wort Antworten

Zitat von Calimero
Gut, dass der Text nicht von mir ist. Ich musste ja erst im Duden nachgucken, ob es das Wort "neonazistisch" überhaupt offiziell gibt (gibt es).

Ich persönlich finde selbst die Gedenktafeln schon übertrieben, aber gut, kann man machen. Wie ist es jetzt aber mit den angekündigten Straßenumbenennungen? Ist das nicht eine effekthascherische Überkompensation der Stadtoberen?
In Kassel soll es ja nun nicht die Holländische Straße betreffen, weil deren Geschichtsbezug da zu wichtig ist. Welche soll es dann sein? Eine Sackgasse? Irgendwas Unbedeutendes im Gewerbegebiet? Was würde den Opfern gerecht werden?

Wie bringt man Anwohnern in irgendeiner Straße (deren Bedeutung unwichtig ist) bei, dass sie jetzt ihre Anschriften/Briefköpfe/Stempel usw ändern müssen? Vielleicht mit einem für deutsche Zungen schwer aussprechbaren Straßennamen?



Ich finde es würdelos, das Gedenken an die Opfer politisch zu vereinnahmen. Ich unterstütze das Aufstellen angemessener Gedenktafeln, aber die Umbenennung von Straßen oder Plätzen ist aus vielerlei Hinsicht eine schwierige Angelegenheit. Wenn sich die gewählten Stadtverordneten bzw. Stadträte nicht intern und der Würde der Opfer angemessen auf eine Umbenennung einigen können, sollte man besser darauf verzichten. Diskussionen und Getöse in der Öffentlichkeit finde ich absolut unangemessen.

Bei uns in Dresden gibt es eine gute und eine schlechte Erfahrung mit solchen Umbenennungen. Zuerst die bessere: Kurz nach der Wende haben mehrere Skinheads einen Ausländer aus der Straßenbahn gedrängt. Er stürzte unglücklich auf das Straßenpflaster und starb an den Folgen des Sturzes. Ein Teil eines Platzes wurde nach ihm umbenannt. In meinen Augen war das richtig, ich verstehe den Ort als ein Mahnmal gegen das Drangsalieren einzelner Menschen durch eine dumpfe Masse. Es ist dabei ein Mensch umgekommen, obwohl es die Täter offensichtlich nicht beabsichtigt hatten.

Dann die schlechte und tragische Erfahrung: Vor einigen Jahren wurde eine junge Ägypterin im Gerichtssaal ermordet, also an einem Ort des Rechtsstaats, wo Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Zeugen und Angeklagte eigentlich sicher sein sollten. Es ging um einen (eindeutigen) Fall rassistischer und persönlicher Beleidigung. Der Täter war ein Aussiedler aus Russland. Er wollte seine Strafe nicht zahlen, ist in der Berufungsverhandlung ausgerastet und hat mitten im Gerichtssaal die Zeugin ermordet.

Es gab die Idee, symbolisch ein Stück Straße direkt am Gericht umzubenennen (dort wohnt niemand, also muss nur das Gericht seinen Briefkopf ändern). Das wäre nicht nur ein Gedenken, sondern auch eine Mahnung gewesen, die Organe des Rechtsstaats besser zu schützen. Die Idee wurde aber von Links politisch vereinnahmt und vorzeitig in die Öffentlichkeit getragen.

Sie ist dann am Widerstand der bürgerlichen Stadträte gescheitert. Es würde jetzt zu weit führen, alle Details zu erzählen, nur so viel: Unweit von diesem Ort hat ein Asylbewerber kurze Zeit später eine Dresdner Schülerin umgebracht. Es war eine Art Beziehungstat. Die Umstände sind in beiden Fällen wirklich tragisch, weil es zudem auch noch Hinweise auf psychische Störungen beider Täter gibt. Das Gedenken an den ersten Mord und das Gedenken an den zweiten Mord konnten die Stadträte jedenfalls politisch nicht miteinander vereinbaren. Zum Glück wurde das Thema vorerst von der Tagesordnung genommen.

Bevor es so weit kommt, sollte man besser eine Gedenktafel oder Gedenksäule errichten und auf das Politikum einer Straßen-Umbenennung verzichten. Mit der öffentlichen Diskussion oder mit öffentlichen Forderungen wird man den Hinterbliebenen wohl immer tiefen Schmerz zufügen.

Calimero Offline




Beiträge: 3.280

03.04.2012 19:29
#79 RE: Marginalie: Das falsche Wort Antworten

Noch eine Ergänzung: Laut FAZ wollte Staatsministerin Böhmer ja die Holländische Straße in Kassel umbenennen lassen, wogegen es laut taz Widerstand der Bürger gab (die Straße ist eine über 2 km lange, vierspurige - B7/83). Jetzt hat man sich wohl auf einen (wieder lt. taz) bisher unbenannten Platz Ecke Holländische/Mombachstraße geeinigt.
Wenn ich Google maps vertrauen kann, heißt diese Ecke bisher Henner-Piffendeckel-Platz. Benannt nach dem schriftstellerischen Pseudonym des doch recht bekannten Kasselers Philipp Scheidemann.

Da man die Angehörigen bisher aber nicht dazu gefragt hat, und diese selbstverständlich bei der Straßenumbennenung, der Gedenktafelbeschriftung sowie deren Anbringungsort mitreden wollen, muss das alles ja noch nicht das letzte Wort sein.

Zitat von taz
„Aber warum können die Menschen, um die es geht, nicht gehört und gefragt werden?“, zeigte sich John ratlos. Die Angehörigen möchten nun wenigstens in die weiteren Schritte einbezogen werden: „Sie würden gerne einen Entwurf der geplanten Gedenktafeln sehen und bei der Frage mitreden, wo diese angebracht werden“, so John.

Damit dürfte der Grundstein für Einiges an Ärger gelegt sein. Ich glaube nicht, dass am Ende alle Beteiligten zufriedenzustellen sind.

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Calimeros Rumpelkammer - Ein Raum für freie Rede und Gedanken, mittendrin im Irrenhaus.

C. Offline




Beiträge: 2.639

03.04.2012 19:57
#80 RE: Notwendig ? Antworten

Zitat von Calimero
Und es wird immer absurder.



Wer denkt sich solche grottigen Texte aus? Das sind übrigens keine Gedenktafeln, sondern Gedankentafeln, denn ein Gedenken findet laut Inschrift nicht statt, sondern die Autoren macht sich Gedanken über ihre eigenen Gefühlen Die Opfer haben Namen, sie pauschal als "Menschen" zu bezeichnen wird einem Gedenken nicht gerecht. Neun Mitbürger und eine Polizistin, das ist ist grotesk, auch Polizistinnen sind Mitbürger. Dazu finde ich die Bestürzung und Beschämung wohlfeil, da sehr wohl auch ein fremdenfeindlicher Hintergrund bei den Ermittlungen nicht ausgeschlosen wurde.

Also warum nicht statt sieben Gedankentafeln zehn Gedenktafeln mit einer Inschrift, die dem Opfer würdig ist. Dafür kann man auf die Straßenumbennenungen verzichten. Ansonsten kommt noch jemand auf die Idee, jede Straße in der ein Mord geschieht nach dem Opfer zu benennen, was zu 900 Umbennennungen im Jahr führen würde.

Nachtrag: Soeben in der taz gefunden:"Im Anschluss folgen die Namen und Todestage der Mordopfer sowie die Tatorte."
http://taz.de/Kommunen-gedenken-an-NSU-Opfer/!90898/

Der Riesling gehört zu Deutschland.

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