Zitat Danke für die Gelegenheit zu etwas Besserwisserei ;-) Es gab im Königreich Deutschland selbstverständlich einen zweiten König - nämlich den von Böhmen. Und im HRR außerdem natürlich noch die Könige von Burgund und Italien.
Danke, da habe ich wieder was dazugelernt.
(Wobei ich es hätte wissen müssen. Ein ähnliches Thema hatten wir hier im Forum ja schon einmal).
Ich bin immer wieder fasziniert, was man im Internet und speziell auch bei Wikipedia alles an abseitigen Informationen bekommen kann. Toll!
Zitat Einer strengen Logik folgt die Existenz von fremdsprachigen Städtenamen also nicht.
Ja, natürlich. Das ist halt irgendwie gewachsen, mal so mal so. (Ich wollte hier auch keine Regel aufstellen sondern nur einen möglichen Einflussfaktor aufzeigen. Und speziell darauf hinweisen, dass die Eindeutschung eines Namens kein deutscher Kulturimperialismus ist, sondern im Gegenteil tendenziell eher darauf hinweist, dass die Stadt aus deutscher Perspektive besonders wichtig war.).
Im übrigen: Wenn eine Stadt nicht ohnehin schon einen althergebrachten deutschen Namen hatte, dann hat sie (meines Wissens) während der Nazi-Okkupation auch keinen solche aufgedrückt bekommen. Oder täusche ich mich da? (Mir würde gerade kein prominentes Beispiel einfallen). Selbst besonders krasse und eigentlich naheligende Beispiele wie "Stalingrad" und "Leningrad" sind doch in der deutschen Propaganda nie umbenannt worden, oder? Der Autobahn-Reflex geht hier also komplett in die Irre.
Zitat von FlorianWenn eine Stadt nicht ohnehin schon einen althergebrachten deutschen Namen hatte, dann hat sie (meines Wissens) während der Nazi-Okkupation auch keinen solche aufgedrückt bekommen.
Es gibt das Beispiel Litzmannstadt (Lodz), vielleicht auch wenige weitere. Häufig war es jedenfalls nicht, und solche Namen heute zu gebrauchen wäre natürlich abseitig.
Es gibt aber den umgekehrten Fall, wo aufgedrückte Namen verwendet werden: Die von Ettore Tolomei erfundenen italienischen Ortsnamen in Südtirol sind nicht nur bis heute die offiziellen Verwaltungsbezeichnungen dort, sondern werden auch immer wieder von Deutschen bußfertigst verwendet.
Vogelfrei
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06.06.2012 19:12
#30 RE: Die Angst des Journalisten vor der Autobahn
Zitat von R.A.Richtig ist natürlich, daß der Kaiser dafür gesorgt hat, daß die Königstitel im HRR alle bei ihm blieben. Er gestattete den Brandenburgern auch nur den Titel "König in Preußen", streng genommen durfte er sich also nur im dortigen Gebiet so nennen. Das "von Preußen" ist eigentlich illegal, das haben sie sich später einfach erdreistet.
Ich dachte, daß lag daran, daß weite Teilen Preußens damals zur polnischen Krone gehörten und somit der Titel König von Preußen schlicht nicht möglich war ohne sich gegen die Polen zu stellen. Naja immer dieses Halbwissen, aber vielleicht ist hier ja jemand, der da genauer Bescheid weiß. ;)
Zitat roße Teile von Österreich-Ungarn lagen außerhalb des Heiligen Römischen Reichs.
Schon deswegen, weil sie nie zeitgleich existiert haben. Österreich-Ungarn, die Doppelmonarchie, gab es von 1867 bis 1918, das Heil. Röm. Reich Dt. Nation hörte 1806 auf zu bestehen.
Zitat Ich dachte, daß lag daran, daß weite Teilen Preußens damals zur polnischen Krone gehörten und somit der Titel König von Preußen schlicht nicht möglich war ohne sich gegen die Polen zu stellen.
Ist auch richtig. Den Titel König "von Preußen" beanspruchten die polnischen KÖnige bis ins 18. Jh. Bei der ersten polnischen Teilung 1772 fiel dann Polnisch-Preußen an Preußen, so dass Friedrich II. sich dann auch "König von Preußen" nannte.
Zitat Häufig war es jedenfalls nicht, und solche Namen heute zu gebrauchen wäre natürlich abseitig.
Es gibt eine Reihe von Ortsnamen - meist Dörfer - in Schlesien, Ost- und Westpreußen und im Elsaß, die im Dritten Reich umbenannt wurden.
Zitat "Die von den Regierungspräsidien für die Umbenennung vorgeschlagenen Ortschaften erhielten von einer Expertenkommission bestehend aus Sprachwissenschaftlern, Lektoren und Archivaren ihren neuen germanisierten Namen. In Schlesien geschah dies bereits ab 1934 und in Ostpreußen, wo von dieser Maßnahme in manchen Landkreisen bis zu 70 % der Dörfer betroffen waren, zwischen August 1937 und Juli 1938. In den später besetzten Gebieten wie beispielsweise im Wartheland (Łódź in Litzmannstadt) entschieden in der Regel untere Dienststellen über die neuen Namen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den nun zu Polen gehörenden Gebieten die Umbenennungen der slawischen Ortsnamen revidiert und nach und nach auch die ursprünglich deutschen Namen vollständig polonisiert. In der Sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR hingegen blieben eine Vielzahl der germanisierten Ortsnamen erhalten."
Zitat ...wie das krampfhafte Bemühen um "Political Correctness" die Medienlandschaft durchzieht.
Dieses Bemühen scheint Journalisten sehr zu beschäftigen. Sie passen auch aufeinander auf. Frau Müller-Hohenstein wird nie wieder "innerer Reichsparteitag" sagen, aber "trotzdem immer versuchen, eine unbefangene Moderation oder auch ein normales Gespräch abzuliefern. Dazu gehört eine gewisse Unbekümmertheit, die möchte ich mir bewahren, sonst könnte ich den Job nicht mehr machen." - Gut, daß evangelisch.de da noch 'mal nachgefragt hat... http://aktuell.evangelisch.de/artikel/30...ation=node/3007
So richtig absurd hat es in der Nachschau betrachtet die DDR getrieben, in der ich aufgewachsen bin. Da war es ungeschriebenes Gesetz, sich an Gdańsk, Wrocław oder Brno die Zunge zu brechen. Grund war m. E. die Tilgung jeglicher deutscher Vergangenheit jener Städte aus den Köpfen als letztendliche Legitimation der Verteibung (DDR-Duktus: "Umsiedlung"). Das Absurde an der Geschichte war allerdings, dass die Hauptstädte aus dieser Regelung herausfielen. Es hieß ganz offiziell Prag, Warschau, Bukarest, Moskau etc. Die Gründe dafür haben sich mir bis heute nicht erschlossen.
Zitat von McCluskeyDie Gründe dafür haben sich mir bis heute nicht erschlossen.
Ich hätte da eine Vermutung: Prag, Warschau, Bukarest und Moskau gehörten nie zum (neueren) Deutschen Reich. Wenn diese Städte also nicht für die "Anpassung" der Landesgrenzen nach dem Zweiten Weltkrieg zugunsten anderer sozialistischer Bruderländer stehen, kann man den deutschen Namen getrost verwenden. Bei den Orten, die nicht so recht freiwillig anderen Staaten zugeschlagen wurden, wäre die Verwendung des deutschen Namens hingegen sozusagen schon wieder ein bisschen Revisionismus. Die ostentative Verwendung des Namens in der neuen Landessprache heißt dann also sowas wie: "Das gehört jetzt zu Polen, gewöhnt euch dran!". Der bekannte Trick: Sprache soll Wahrnehmung verändern.
Allerdings ist es ja gerade diese "Sonderbehandlung", die einem immer wieder die jüngere Geschichte in Erinnerung ruft.
-- L'État, c'est la grande fiction à travers laquelle tout le monde s'efforce de vivre aux dépens de tout le monde. (Frédéric Bastiat)
Fast noch mehr als diese übertriebene politische Korrektheit nervt mich deren inkonsequente Anwendung. Wenn die Damen und Herren Qualitätsjournalisten schon volkserzieherisch tätig sein wollen, dann bitte auch richtig. Zum Beispiel heißt diese seinerzeit durch Vicky Leandros (und Otto ) bekannt gewordene polnische Stadt nicht Lodz, sondern Łódź. Das will ich dann auch so lesen, klar?
Und gesprochen wird sie nicht "Lottsch", sondern eher "Wudsch", wobei das "w" wie im Englischen auszusprechen wäre. Wenn ich also auch darum bitten dürfte. Und bei anderen Städten bitte analog verfahren. Das könnte später auch dabei helfen, die Namen polnischer oder ukrainischer Spieler richtig über den Äther zu bringen.
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Zitat Wer weiß, ohne nachzusehen, welche Stadt Aix-la-Chapelle ist?
Na, dann melde ich mich mal wieder: Guten Tag, lieber Zettel, liebes Forum.
Zu der genannten Stadt: Ohne nachzusehen kann ich sagen, dass es dieselbe ist, die tschechisch Cáchy heißt, falls das hilft. In dieser Stadt wurden vier tschechische Könige gekrönt; der berühmteste war Karl IV.
Bleibt noch die Frage, woher das Anfangs-C kommt: Soviel ich weiss, stammt es vom deutschen "zu" - im heutigen Sinne von "in" - in der Unterschrift der Krönungsurkunde: "zu ..." phonetisch halt so ähnlich wie "Cáchy". .. Ja, so verwirrend können sich (nicht nur) Städtenamen entwickeln ...
Zitat von R.A.Eigentlich nur eine kleine Sprachhunzerei - aber doch auch Zeichen dafür, wie das krampfhafte Bemühen um "Political Correctness" die Medienlandschaft durchzieht.
Im FDP-Forum hat dieser Artikel von R.A. zu einer lebhaften Diskussion geführt.
Zitat von R.A.Eigentlich nur eine kleine Sprachhunzerei - aber doch auch Zeichen dafür, wie das krampfhafte Bemühen um "Political Correctness" die Medienlandschaft durchzieht.
Im FDP-Forum hat dieser Artikel von R.A. zu einer lebhaften Diskussion geführt.
Er wurde auch im Newsletter des Liberalen Instituts der FNS erwähnt, allerdings dort (Macht der Gewohnheit) Zettel zugeschrieben...
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Ich möchte mal eine neue Front eröffnen: L'viv und Lemberg sind schön und gut, aber was ist mit Lwów?
Leider machen sich viele Deutsche (unwissentlich) die sowjetoffizielle Sicht auf die Gegenden jenseits der heutigen Ostgrenze Polens zu eigen. Vom Standpunkt eines konservativen Polen stellt sich die Sache anders dar: Durch die Westverschiebung Polens sind zwei Städte verlorengegangen, die für die polnische Kultur sehr wichtig sind, nämlich Wilno (Vilnius, Litauen) und Lwów (L'viv, Ukraine).
Weshalb schreibe ich das? Ich glaube, die Deutschen könnten die Polen besser verstehen, wenn sie sich mit deren Verlusten näher beschäftigen würden und, wenigstens zeit- und probeweise, einmal den polnischen Standpunkt einnähmen. Dabei können die Bücher des englischen Historikers Norman Davies behilflich sein (http://en.wikipedia.org/wiki/Norman_Davies).
Ergänzender Hinweis: Die heutige polnische Ostgrenze entspricht recht genau der nach dem 1. Weltkrieg von den Westmächten anhand ethnischer Kriterien vorgesehenen (Curzon-Linie). Der seinerzeit grade neuerrichtete polnische Staat hatte allerdings zwischen 1918 und 1921 nichts besseres zu tun, als zunächst einmal gegen diverse Nachbarn Kriege zu führen, um sich gewaltsam deutsche, litauische und ukrainische Gebiete einzuverleiben, im Zuge welchen Unternehmens dann auch die besagten Gebiete um Wilna und Lemberg polnischerseits besetzt wurden, bis sie nach dem 2. Weltkrieg an die litauische bzw. ukrainische Sowjetrepublik zurückfielen. Von daher...
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