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ZETTELS KLEINES ZIMMER

Das Forum zu "Zettels Raum"



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Dieses Thema hat 119 Antworten
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Llarian Offline



Beiträge: 7.003

10.10.2023 14:17
#101 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #100
Wenn Propaganda so funktionieren würde wie Sie es unterstellen, würde es in Bayern derzeit schwarz-grüne Koalitionsverhandlungen geben.

Die gibt es mit Sicherheit, nur eben nicht so hoch gehangen. Das Problem für Söder ist, dass der rote Testballon, an dem Hubert Aiwanger gehängt werden sollte, geplatzt ist. Aber schon vorher hat Markus Söder eigentlich nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Grünen durchaus als Koalitionspartner, sowohl in Bayern als auch im Bund, liegen würden.

Und Propaganda funktioniert, aber eben sehr subtil. Sie bringt Sie nicht dazu morgen ihr Kreuz bei den Grünen zu machen. Aber sie bringt Sie dazu, ihre Punkte mehr zu akzeptieren. Und vielleicht dann eine Koaltion nicht mehr so schlimm zu finden. Und das dauert ja auch, die deutsche Gesellschaft hat sich ja im Laufe von Jahrzehnten der Propaganda-Beschallung gewandelt. Aber sie hat sich gewandelt.

Zitat
Wenn das Ganze zu durchschaubar wird, glaubt es nicht nur niemand mehr, sondern man erzielt damit noch einen Trotz-Effekt, auf den ich einen großen Teil (natürlich nicht alles) der Stimmengewinne der FW zurückführen würde.


Weil es die SPD übertrieben hat. Das ist genau der Punkt der Subtilität.

Zitat
Und der Grund, warum ich hier auf's Alter abstelle ist der, dass die Tagesschau nur von Menschen als einzig wahre Nachrichtensendung wahrgenommen wird, die nach dem Krieg damit aufgewachsen sind. Die gesamte Babyboomer-Generation (und erst recht die Jüngeren) sind schon mit Medienvielfalt aufgewachsen und haben schon keinen Grund mehr zu glauben, dass es einen Wahrheitssender gibt.


Das glauben die auch nicht. Aber das ist genau der Punkt, den ich versucht habe mit Wirkung zwei zu setzen: Das ist auch nicht erforderlich. Die Beschallung mit Propaganda funktioniert langfristig, langsam und immer subtil. Und dabei ist es egal, ob es Lügen sind. Am Ende sinkt die Lüge ein. Wenn eine Lüge nur oft genug verkündet wird, sinkt sie ein.

Zitat
Ich halte die Medienmacht allgemein (und die des ÖRR im Speziellen) für ziemlich überbewertet; beim Durschnittsmichel dürfte Wahltradition eine wesentlich größere Rolle spielen als die Medien, was auch die geringe Volatilität der Wahlergebnisse erklären würde.


Lieber Alfonzo, sie machen vielzuviel an Wahlergebnissen und Parteien fest. Dem ÖR und den Propagandabattaillonen geht es nicht um Parteien. Sondern um Ideen, Werte und Meinungen. Sie brauchen nicht die Grünen um die deutschen Gesellschaft zu korrumpieren, sie brauchen die grünen Ideen. Der größte Erfolg der deutschen Medien der letzten Jahre besteht nicht in der Stärkung der Grünen. Sondern in der Etablierung der grünen Ideen in CDU und FDP. Wenn die CDU die grünen Vorstellungen durchsetzt, ist dem Propagandisten die grüne Partei vollkommen schnurz. Die Wahlergebnisse mögen nicht so volatil sein wie in Italien und rein vom Parteienspektrum her ist Deutschland nicht linker als vor 20 Jahren. Aber die Parteien haben sich seitdem massiv nach links bewegt. Und das ziemlich stabil. Das ist ja auch der Grund warum sich die AfD überhaupt etablieren konnte.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 2.071

10.10.2023 16:01
#102 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #101
Lieber Alfonzo, sie machen vielzuviel an Wahlergebnissen und Parteien fest. Dem ÖR und den Propagandabattaillonen geht es nicht um Parteien. Sondern um Ideen, Werte und Meinungen. Sie brauchen nicht die Grünen um die deutschen Gesellschaft zu korrumpieren, sie brauchen die grünen Ideen.


Das mag deren Idee sein, es bringt aber alles nix, wenn der Sachsen-Ossi trotz 10-Milliarden-Propagandabeschallung sein Kreuz bei den Blauen macht.
Und das ist doch der Kernpunkt Ihrer These (und gleichzeitig die Falsifizierung); die Propaganda bringt offensichtlich nicht das, was sie soll.

Nebenbei lässt sich das doch auch auf Gesamtdeutschland umlegen: Seit 10 Jahren wird uns von den Medien erzählt, dass die AfD und ihre Politiker eine Wiedergeburt vom Schnauzbart und seiner Verbrecherbande sind. Und was ist seitdem passiert? Die Menschen wurden mit der Realität konfrontiert, und die AfD hat ihr Stimmenergebnis locker verdoppelt.

Ich kann wirklich ÜBERHAUPT nicht erkennen, dass da auch nur irgendwas von der Propaganda hängengeblieben wäre. Ich sehe eher das Gegenteil: Die Leute sind zunehmend genervt von dem Woke-Scheiss und stimmen mit den Füssen und den Geldbeuteln ab, während die Verlage, die die Propaganda verbreiten immer härter ums Überleben kämpfen müssen. Da funktioniert überhaupt NICHTS vom großen Umerziehungsplan.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

10.10.2023 18:33
#103 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #95
Das altbekannte Problem... nur: wessen Fehler ist das?


Lassen Sie es mich so sagen: Die blaue Partei ist bisher immer wenn sie vor einem Scheideweg stand, nach rechts abgebogen.
Die CSU dagegen ist nicht die CDU. Man kann die CSU für ihre Kompromisse sicherlich kritisieren, aber wenn Berlin einmal eine CSU-Regierung hätte, würde es Probleme wie um den Görlizer Park absehbar nicht mehr geben, jedenfalls nicht mehr in dieser Form.

Wäre es nicht vorstellbar, dass das Problem hier wirklich blau ist?
Wobei ich nicht weiß wie die in Bayern aufgestellt sind. Kann sein, dass sie dort noch wesentlich gemäßigter drauf sind.

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #100
Die gesamte Babyboomer-Generation (und erst recht die Jüngeren) sind schon mit Medienvielfalt aufgewachsen und haben schon keinen Grund mehr zu glauben, dass es einen Wahrheitssender gibt.


Der Babyboom begann Mitte der 1950er Jahre in Westdeutschland.
Privaten Rundfunk gab es frühestens ab den 1980er Jahren, unter Kohl. Da waren die jünsten Babyboomer schon aus der Phase raus, in der man gemeinhin aufwächst.

Ich kenne jetzt das Medienverhalten der Babyboomer als junge Leute nicht, aber in Sachen ÖRR dürften sie das Kernpublikum sein, dass heute betreut wird, weil die noch-ältere Generation inzwischen wahrscheinlich schon immer weniger fernsieht oder wenn dann nur noch festgelegte Programme.

Zitat von F.Alfonzo
Ich halte die Medienmacht allgemein (und die des ÖRR im Speziellen) für ziemlich überbewertet



Damit haben Sie mutmaßlich sogar recht.
Wurde hier im Forum einige Male erklärt bzw. ging auch sonst rum.

Zitat von Llarian im Beitrag #101
[...]


Das Problem hatten wir doch schon vor über 10 Jahren beim Thema "Eurorettung".
Die eine Seite wurde da systematisch als sehr, sehr weit rechts stehend geframed. Dabei waren die vorgebrachten Argumente zumeist schlimmstenfalls konservativ, zumeist aber eher liberal bis wirtschaftsliberal.

Inzwischen hat sich die politische Landschaft erheblich bewegt.

Aber schon damals konnte man praktisch jede Partei wählen und bekam an Ende die Eurorettungspolitik in einer oder anderer Form. Es ging nur noch um die Geschmacksrichtung.



DSA tritt in Kraft. Die EU kontrolliert, was sich im Netz verbreitet.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 2.071

11.10.2023 11:08
#104 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #103
Man kann die CSU für ihre Kompromisse sicherlich kritisieren, aber wenn Berlin einmal eine CSU-Regierung hätte, würde es Probleme wie um den Görlizer Park absehbar nicht mehr geben, jedenfalls nicht mehr in dieser Form.


Man sollte nicht vergessen, dass die CSU 16 Jahre lang die Merkel-Politik mitgetragen hat und damit viele der Probleme, die die AfD thematisiert, überhaupt erst verursacht hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass rot-grün das ganze nochmal toppt.

Zitat von Johanes im Beitrag #103
Wäre es nicht vorstellbar, dass das Problem hier wirklich blau ist?


Wie im anderen Thread schon erwähnt: Ohne den Linksruck der CSU wären AfD und FW heute vermutlich nicht mal im Parlament, anstatt 30% der Sitze zu holen.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

16.11.2023 18:45
#105 RE: ...und was nun? Antworten

Werden Wahlen manipuliert? | Prof. Dr. Christian Rieck

Roland Schatz und Prof Rieck im Gespräch. Spannend!

"Aufrichtig zu sein, kann ich versprechen, unparteiisch zu sein, aber nicht." - Goethe

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

12.01.2024 12:55
#106 Die Wurzel allen Übels? Antworten

Die Geburt des Wokismus aus dem Geist des Nominalismus?

Hallo Zimmerleute,

ich weiß, dass das ein relativ umstrittenes Thema ist, dennoch bringe ich es mal vor.

Es gibt einen Artikel, der die sozusagen metaphysischen Ursachen des Wokismus untersucht.
Ich hebe dabei u. a. folgende Stelle hervor:
"Im Unterschied zur aristotelischen Tradition der Philosophie, bei der einem Willensakt eine Erkenntnis vorhergeht, ist dies im Nominalismus umgekehrt. Da für den Nominalismus die Gegenstände eigentlich der Erkenntnis nicht zugänglich sind, ist es der Wille, der etwas als gut erfasst und danach dem Erkenntnisvermögen als zu erkennenden Gegenstand vorstellt. Der Nominalismus ist daher von Anfang an eine voluntaristische Theorie."
Quelle: Idealismus, Konstruktivismus, Dekonstruktivismus. Der philosophische Hintergrund der gegenwärtigen Krise in Politik, Kultur und Kirche {Archiv}

Ich denke, dieses Zitat veranschaulicht den Kern worum es in diesem Artikel (oder dieser Serie) geht und ich denke, er ist durchaus kontrovers.
Er impliziert, dass die Erkenntnis der Wünschenswertheit von etwas den Wunsch dazu weckt.

Was denkt ihr dazu?

Mit freundlichen Gruß

Johanes.

Edit: Anführungszeichen

HR2 Offline



Beiträge: 1.008

12.01.2024 22:57
#107 RE: Die Wurzel allen Übels? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #106

Er impliziert, dass die Erkenntnis der Wünschenswertheit von etwas den Wunsch dazu weckt.

Was denkt ihr dazu?




Ich habe meine Schwester 40 Jahre lang beobachtet, die 5 Jahre älter ist als ich. Es ist das Psychologische, nicht das Philosophische.

Da war am Anfang eine ins Dramatische übertriebene, unpolitische Auflehnung gegenüber den bildungsbürgerlichen Eltern:
Die Pubertät. Diese paarte sich mit Narzissmus, dessen Ursache ich im vermeintlich unerreichbaren Erfolg der Eltern vermute.
Die Politik war als Waffe dann schnell erkannt und die familiäre Gruppe schnell gefunden: Hausbesetzer-Szene in Hamburg in den 80ern.
Ab da ist dann alles logisch...Anti-Atom, Kommunismus, Antifa, Klima, Migration, Woke u.s.w...Hauptsache zerstörerisch...
Der pubertäre, narzisstische Kampf ist zur Identität geworden, die Eltern sind nun der Kapitalismus, die erfolgreiche westliche Gesellschaft.

Ich behaupte, es ist so einfach. Die Linken haben ihre Pubertät und ihren Narzissmus weder erkannt, noch je überwunden. Nein, die sind genau nur das.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

13.01.2024 11:16
#108 RE: Die Wurzel allen Übels? Antworten

@HR2

Sie mögen durchaus recht haben.

HR2 Offline



Beiträge: 1.008

13.01.2024 20:10
#109 RE: Die Wurzel allen Übels? Antworten

Anhand von Familie und Bekannten könnte ich das belegen.
Da gibt es keine philosophische Ebene, nur simple Opposition gegen die Eltern,
bei der die Revolution ihre Kinder frisst.
Ironischerweise nährt alle der böse Kapitalismus, den man intellektuell nimmermüde bekämpft,
natürlich ohne Konsequenzen für den eigenen Lebensstandard.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

14.01.2024 10:46
#110 RE: ...und was nun? Antworten

"Meta-analysis: On average, undergraduate students' intelligence is merely average" (doi: 10.3389/fpsyg.2024.1309142) von Uttl, Violo & Gibson.

Zitat:
"According to a widespread belief, the average IQ of university students is 115 to 130 IQ points, that is, substantially higher than the average IQ of the general population (M = 100, SD =15). We traced the origin of this belief to obsolete intelligence data collected in 1940s and 1950s when university education was the privilege of a few.[...]The results show that the average IQ of undergraduate students today is a mere 102 IQ points[...]
The students' IQ also varies substantially across universities and is correlated with the selectivity of universities (measured by average SAT scores of admitted students)"


1. Die kanadische Studie hat IQ-Tests aus den letzte Jahrzehnten ausgewertet und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Durchschnittsiq der Universitätsstudenten sich inzwischen dem Durchschnitt der Bevölkerung angenähert hat.
2. Ich würde die Studie auf keinen Fall als der Weisheit letzter Schluss nehmen!
Grade in diesem Bereich sollte man auf eine Reproduktion warten oder sich die Rohdaten selbst ansehen.
3. Der wichtige Punkt betrifft die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Universitätsstudenten brillant sind.
Das ist wahrscheinlich inoffiziell auch einer der Gründe, wieso immer häufiger Einstellungstests, Assessment Center und dergleichen durchgeführt werden. Die Arbeitgeber könenn sich auf die Zahlen aus den offiziellen Bildungseinrichtungen nicht mehr verlassen.

Was den Selektionseffekt angeht: Wen man seine Belegschaft durch IQ-Tests auswählt, dann steigt selbstverständlich der IQ der Belegschaft, aber es wird auch Leute geben, die den IQ sprichwörtlich trainiert haben.
Ob und wie stark SAT zu IQ korreliert ist eine andere Frage...

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 2.071

14.01.2024 22:15
#111 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #110
1. Die kanadische Studie hat IQ-Tests aus den letzte Jahrzehnten ausgewertet und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Durchschnittsiq der Universitätsstudenten sich inzwischen dem Durchschnitt der Bevölkerung angenähert hat.
2. Ich würde die Studie auf keinen Fall als der Weisheit letzter Schluss nehmen!
Grade in diesem Bereich sollte man auf eine Reproduktion warten oder sich die Rohdaten selbst ansehen.


Wie im Abstract schon erwähnt, halte ich das Ergebnis für trivial: Je größer der Prozentuale Anteil der Studenten an der Gesamtbevölkerung wird, umso mehr wird sich der IQ der 100 annähern.
Es gibt ja inzwischen auch zig-tausende, promovierte Geisteswissenschaftler, bei denen man sich ernsthaft fragt, welchen Job die eigentlich in den 1950ern gemacht hätten, denn für's Malern oder Klempnern sind die auch zu doof (ich wette darauf, dass der IQ des durchschnittlichen Malermeisters über dem des durchschnittlichen Geisteswissenschafts-Professors liegt). Vermutlich wären die damals alles Hausfrauen gewesen, die zur Selbstverwirklichung im Garten Rosen angebaut haben anstatt an Unis sozialistischen Bullshit zu lernen und lehren.

Zitat von Johanes im Beitrag #110
3. Der wichtige Punkt betrifft die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Universitätsstudenten brillant sind.


Das konnten sie genaugenommen noch nie, bei keinem Schulabschluss. Denn: Dass irgendjemand gut auswendiglernen und nachplappern kann, bringt ihm gute Noten, aber es bringt dem Arbeitgeber so gut wie nichts; ausser vielleicht die Erkenntnis, dass der Bewerber nicht stinkfaul ist und ohne zu meckern jeden Unsinn mitmacht, der ihm aufgetragen wird. Das ist bei Absolventen mit Quali oder mittlerer Reife auch nicht anders - gute Noten ist ungleich guter Mitarbeiter. Man sollte da schon den gesamten Menschen betrachten, dann wird das Bild etwas runder.
Das Extrem sieht man ja im IT-Bereich: Wenn irgendein Slacker es hinkriegt, aus Mamas Keller den Server der russischen Botschaft zu hacken, dann hat er seine Expertise nachgewiesen und wird sofort angeheuert, selbst wenn er nicht mal einen Schulabschluss hat (bei solchen Leuten stellen sich dann andere Fragen, bspw. nach der Loyalität zum Arbeitgeber oder der Fähigkeit, im Team zu arbeiten ohne dass es zu Mord und Totschlag kommt).

Zitat von Johanes im Beitrag #110
Wen man seine Belegschaft durch IQ-Tests auswählt, dann steigt selbstverständlich der IQ der Belegschaft, aber es wird auch Leute geben, die den IQ sprichwörtlich trainiert haben.


Ich hab das mal ausprobiert, als ich während des Studiums einen langweiligen Bürojob hatte: Eine Woche lang jeden Tag 3-4 online-IQ-Tests gemacht; das Resultat war nach meiner Erinnerung, dass ich meinen Wert um rund 10 Punkte steigern konnte (unbeachtet der Varianz, die wahrscheinlich sehr groß war; möglicherweise war das Resultat auch nur Zufall). Also: Mann kann es trainieren, aber nicht sehr stark. Und wenn alle Bewerber trainieren, bekommt man unter's Strich zwar höhere, absolute Werte, aber für die Auswahl ist der relative Wert relevant.

Und das Training ist immer möglich, falls mir eine Anekdote erlaubt ist: Ein Kerl, für den ich einige Jahre gearbeitet habe, hat die Mitarbeiter seiner Firma weltweit mal mit einem online IQ-Test überrascht: "please do it right away", um zu verhindern, dass geschummelt wird. Ich habe ihn dann sofort gemacht (morgens, mit signifikantem Restalkohollevel; hatte aus der Vergangenheit noch genug Übung, und es war mir darüberhinaus auch relativ egal was bei dem Test rauskommt, weil ich es gut verstanden habe mich in der Firma unverzichtbar zu machen) - die angemieten Zeitarbeiter in Indien sind dagegen erst mal alle mit "akutem Unwohlsein" verschwunden um Zeit zu gewinnen (obwohl die diese Tests im Großraumbüro sogar gemeinsam hätten lösen können). Am nächsten Tag waren sie dann wieder "fit genug" um den Test zu machen und haben trotzdem alle abgestunken, relativ zu den Hauptmitarbeitern.

Llarian Offline



Beiträge: 7.003

14.01.2024 22:57
#112 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #110
1. Die kanadische Studie hat IQ-Tests aus den letzte Jahrzehnten ausgewertet und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Durchschnittsiq der Universitätsstudenten sich inzwischen dem Durchschnitt der Bevölkerung angenähert hat.

Glaube ich sofort und ohne mit der Wimper zu zucken. Kanada ist sowas von links, dass es in zehn Jahren rechts wieder raus kommt, da wird nicht nach Meriten studiert sondern nach Elternhaus und Minderheitenstatus. In Deutschland ist es in MINT vermutlich noch nicht so schlimm, aber ich bin ganz bei Alfonzo: Bei Geisteswissenschaftlern würde es mich nicht schockieren wenn der durchschnittliche IQ unter 100 liegen würde.

Wobei man zur Realtivierung auch sagen muss: Ein IQ Test misst genau eins: Die Intelligenz, die der IQ Test misst. Der IQ ist sicher mit dem Verstand korreliert, aber auch nicht mehr als das.

Zitat
3. Der wichtige Punkt betrifft die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Universitätsstudenten brillant sind. Das ist wahrscheinlich inoffiziell auch einer der Gründe, wieso immer häufiger Einstellungstests, Assessment Center und dergleichen durchgeführt werden. Die Arbeitgeber könenn sich auf die Zahlen aus den offiziellen Bildungseinrichtungen nicht mehr verlassen.


Das ist aber auch schon lange der Fall. Ich kenne Abiturienten/Studenten, die sich kaum die Schuhe zubinden können, geschweige denn eine Kurvendiskussion durchführen oder auch nur einen Dreisatz fehlerfrei ausrechnen können. Sowohl im ländlichen Raum als auch in sozialen Brennpunkten sind die Gymnasien, noch schlimmer die Gesamtschulen, schon lange zu "Abitur-Schenkungs-Anstalten" geworden (und das war schon in meiner Abi-Zeitung sehr treffend beschrieben, lang ists her). Auf Haupt- und Realschulen wird es kaum besser sein. Ein Lehrer tut sich keinen Gefallen damit einen Schüler durchfallen zu lassen, also lässt er ihn passieren. Ist ja nicht sein Problem. Das ist übrigens nicht auf die Schule beschränkt: Ich habe als Beisitzer in diversen Prüfungen gesessen wo ich am liebsten in die Tischplatte gebissen hätte aufgrund der Blödheit mancher Studenten. Aber die bestehen alle, Professoren haben ein ebenso großes Herz wie Lehrer (und bevor die Frage kommt: Als Beisitzer habe ich grundsätzlich keinen Studenten "reingerissen", auch wenn ich absolut der Meinung war, der solle jetzt durchfallen. Wenn Professor nicht selber dazu kommt, dann wird bestanden.).

Zitat
Was den Selektionseffekt angeht: Wen man seine Belegschaft durch IQ-Tests auswählt, dann steigt selbstverständlich der IQ der Belegschaft, aber es wird auch Leute geben, die den IQ sprichwörtlich trainiert haben.


Wer selektiert denn nach IQ? Ich arbeite mein halbes Leben in Forschung und Entwicklung und nicht einmal da wird das gemacht. Der Kandidat darf sicher nicht auf den Kopf gefallen sein, aber er muss vor allem zum Thema passen, Interesse zeigen, Begeisterung, Teamfähigkeit, Beharrlichkeit. IQ wurde noch nie irgendwo abgeprüft, weder bei mir noch bei anderen. Ein fleissger Durchschittsentwickler ist jedem Arbeitgeber lieber als eine grenzgeniale Primadonna. Und alleine der Gedanke eine ganze Abteilung mit solchen zu haben ist der totale Albtraum.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 2.071

15.01.2024 00:12
#113 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Llarian im Beitrag #112
Ich kenne Abiturienten/Studenten, die sich kaum die Schuhe zubinden können, geschweige denn eine Kurvendiskussion durchführen oder auch nur einen Dreisatz fehlerfrei ausrechnen können. Sowohl im ländlichen Raum als auch in sozialen Brennpunkten sind die Gymnasien, noch schlimmer die Gesamtschulen, schon lange zu "Abitur-Schenkungs-Anstalten" geworden (und das war schon in meiner Abi-Zeitung sehr treffend beschrieben, lang ists her).


Ich glaube Sie fokussieren da zu viel auf die MINT-Fächer... es mag bei FOS-Absolventen die dann an der FH etwas technisches studieren der Fall sein, dass sie schlechter werden, aber die sind nach meiner persönlichen Erfahrung den Allgemeingebildeten Schülern / Studenten sowieso um Jahre voraus.

Das Problem ist ein Anderes: Ich hatte im Gymnasium Englisch Leistungskurs, was letztendlich eine politische Veranstaltung ist, und wer es wagt, der alt-68er-Lehrerin zu erklären, dass die ganze, linke Ideologie Schmarrn ist, hat eben ein Problem. Man fällt nicht durch, aber bekommt eben auch nur Dreier statt Einser. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Schüler, die Einser haben wollen nur lernen, Propaganda nachzuplappern.
Das lässt sich auch nicht vermeiden: Ich war auf dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig des Gymnasialsystems, aber selbst wenn ich Mathe und Physik als Leistungskurse gewählt hätte (was heute meine erste Wahl wäre, weil die Lehrer einen da nicht nach Sympathie benoten können), muss man trotzdem noch Deutsch/Geschichte und eine Fremdsprache als Abifächer wählen. Und hat den Politik-Murks dann an anderer Stelle im Zeugnis stehen.

Die deutschen Gymnasien sind im Prinzip Parteikader-Ausbildungsinstitutionen; was will man da erwarten? Sicherlich nichts, was einem Privatunternehmen (oder einem unpolitischen Uni-Institut) irgendwie nützlich wäre...

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

15.01.2024 13:27
#114 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #111
Es gibt ja inzwischen auch zig-tausende, promovierte Geisteswissenschaftler, bei denen man sich ernsthaft fragt, welchen Job die eigentlich in den 1950ern gemacht hätten, denn für's Malern oder Klempnern sind die auch zu doof (ich wette darauf, dass der IQ des durchschnittlichen Malermeisters über dem des durchschnittlichen Geisteswissenschafts-Professors liegt).


Das glaube ich nicht. Müsste man testen, wenn man das ernst meint.

Grade in den Geisteswissenschaften gibt es einige, die studieren, um studiert zu haben und nicht aus Leidenschafts fürs Fach oder der Suche nach der Wahrheit. Leider.

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #111
Dass irgendjemand gut auswendiglernen und nachplappern kann, bringt ihm gute Noten, aber es bringt dem Arbeitgeber so gut wie nichts; ausser vielleicht die Erkenntnis, dass der Bewerber nicht stinkfaul ist und ohne zu meckern jeden Unsinn mitmacht, der ihm aufgetragen wird.


Das ist doch für viele Arbeitgeber ausreichend!

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #111
Das Extrem sieht man ja im IT-Bereich: Wenn irgendein Slacker es hinkriegt, aus Mamas Keller den Server der russischen Botschaft zu hacken, dann hat er seine Expertise nachgewiesen und wird sofort angeheuert, selbst wenn er nicht mal einen Schulabschluss hat (bei solchen Leuten stellen sich dann andere Fragen, bspw. nach der Loyalität zum Arbeitgeber oder der Fähigkeit, im Team zu arbeiten ohne dass es zu Mord und Totschlag kommt).


Stimmt das im Jahre 2024 noch genauso wie 200X?

Heute würden viele potenzielle Arbeitgeber doch nur schlussfolgern, dass er fähig war eine Sicherheitslücke zu erkennen und skrupellos genug, diese auszunutzen. Und in Sachen IT-Sicherheit gibt es heute genug Spezialisten. Ganze Firmen, die nichts anderes tun.
Eventuell hätte er da eine Chance, aber auch nicht mit großen Vermögen.

Der Mythos, sozusagen, ist tot.

Zitat von Llarian im Beitrag #112
Wobei man zur Realtivierung auch sagen muss: Ein IQ Test misst genau eins: Die Intelligenz, die der IQ Test misst. Der IQ ist sicher mit dem Verstand korreliert, aber auch nicht mehr als das.


Das ist die Theorie von g, die meines Wissens durchaus umstritten ist, aus verschiedenen Richtungen

Zitat von Llarian
Auf Haupt- und Realschulen wird es kaum besser sein.



Wenn mehr als die Hälfte der Schüler aufs Gym geht, dann sind das eben "Resterampen", auf die keiner freiwillig geht.
Und entsprechend wird das Klientel, seine Motiviation und Meinung dann sein.

Da, wo man das verhindert hat, wie in Bayern, scheint man auch schon ordentliche Ergebnisse zu haben.

Zitat von Llarian
Ein fleissger Durchschittsentwickler ist jedem Arbeitgeber lieber als eine grenzgeniale Primadonna.



Das ist auch wieder wie so eine Sache. Solche "Grenzgenialen" sieht man zwar gerne mal im Kino, aber im realen Leben?

Zitat von F.Alfonzo im Beitrag #113
es mag bei FOS-Absolventen die dann an der FH etwas technisches studieren der Fall sein, dass sie schlechter werden, aber die sind nach meiner persönlichen Erfahrung den Allgemeingebildeten Schülern / Studenten sowieso um Jahre voraus.


Diejenige vom 2. Bildungsweg sind normalerweise Leute mit starken Lernwillen, Disziplin, die auch schon wissen, wie das Arbeitsleben funktioniert.
Der übliche Gymasiast: Grundschule -> Gymnasium -> Universität -> eventuell Weiterbildung, eventuell Promotion -> Ggf. noch Training -> Beruf.

In dem Alter sind dann gewisse Gewohnheiten schon "eingebrannt" und schwer zu korrigieren. Dinge, die einem als Lerner vielleicht weiterhelfen oder zumindest nicht stören, aber für einen Angestellten eher unerwünscht sind usw.

Wobei das natürlich extrem überspitzt ist.

Zitat
(was heute meine erste Wahl wäre, weil die Lehrer einen da nicht nach Sympathie benoten können)



Bei der Schulnote sind solche Dinge wie mündliche Beteiligung, Heftführung, Teils auch "Kopfnoten" (offiziell, z.T. auch inoffiziell) mit drin. Wie groß der "Nasenfaktor" ist, ist natürlich umstritten. Vor allen Dingen auch, weil jeder, der gut dasteht den Nasenfaktor kleinreden will und umgekehrt, der mit den schlechten Noten ihn absichtlich groß.
Erst bei PISA oder eben den Abschlusstest kommt dann sowas wie eine objektive Feststellung der Lernleistung und das wird häufig geübt vorher.

Von der Messung der "puren Intelligenz" (falls es sowas gibt) ist beides weit entfernt.

F.Alfonzo Offline



Beiträge: 2.071

16.01.2024 20:39
#115 RE: ...und was nun? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #114
Das glaube ich nicht. Müsste man testen, wenn man das ernst meint.

Grade in den Geisteswissenschaften gibt es einige, die studieren, um studiert zu haben und nicht aus Leidenschafts fürs Fach oder der Suche nach der Wahrheit. Leider.


Ich würde sagen dass jemand, der schlau genug für die Hochschule ist, dazu in der Lage sein sollte sich vorher zu überlegen, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen will. Wer das nicht kann, und offensichtlich betrifft das sehr viele, die darüber jammern keinen Job zu bekommen obwohl sie einen Doppel-Magister in Germanistik UND Kunstgeschichte haben, kann unmöglich einen IQ haben, der über dem eines Handwerkermeisters liegt, der ein kleines Unternehmen mit all seinen Facetten führen muss, ohne das jemals auf einer Schule gelernt zu haben.
Was die Motivation angeht: Ich habe überhaupt kein Problem mit Leuten, die aus Leidenschaft für's Fach studieren, so lange sie damit niemand anderem auf den Keks gehen. Wer Politikwissenschaften studieren will und reiche Eltern hat, meinetwegen. Wer ohne reiche Eltern Finnougristik studieren will, macht dann eben in akademischen Bereich Karriere: Der alte Professor bildet den neuen aus, der wiederum einen Studenten hat, der Professor werden will.

Zitat von Johanes im Beitrag #114
Das ist doch für viele Arbeitgeber ausreichend!


Kommt auf die Arbeit an... klar, wie schon erwähnt: Die meisten Jobs erfordern Menschen, die kein Problem damit haben, zu tun was ihnen gesagt wird und jeden Tag die selben Arbeiten zu erledigen. Dafür sind Einser-Studenten und -Schüler gut. Sobald es aber irgendwo kreativ werden muss, bspw. in der Entwicklung, ist das eher nicht mehr hilfreich.

Zitat von Johanes im Beitrag #114
Stimmt das im Jahre 2024 noch genauso wie 200X?


Weiss ich nicht. Bekannte Tatsache ist allerdings, dass viele Tech-Firmen inzwischen nicht mehr auf die Schulausbildung schauen, sondern auf die praktischen Fähigkeiten des Bewerbers und diverse softe Faktoren, die man für notwendig hält um in dem Unternehmen klarzukommen. Ich glaube es war noch nie so einfach wie heute, durch reine, individuelle Leistung (unabhängig von Schulbildung) Karriere zu machen. Man muss nur irgendwas gut können, was nachgefragt wird.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

10.02.2024 14:38
#116 Klimaleugnung Antworten

Interessanter Artikel und sicherlich gut für die ein oder andere Diskussion, sei es online oder im RL:
"In this registered report, we present causal evidence on a potential explanation for this discrepancy: motivated reasoning. We conducted a tailored survey experiment on a broadly representative sample of 4,000 US adults to provide causal evidence on how motivated cognition shapes beliefs about climate change and influences the demand for slanted information. We further explore the role of motives on environmentally harmful behaviour. Contrary to our hypotheses, we find no evidence that motivated cognition can help to explain widespread climate change denial and environmentally harmful behaviour."
Aus dem Abstrakt von "Stoetzer, L.S., Zimmermann, F. A representative survey experiment of motivated climate change denial. Nat. Clim. Chang. 14, 198–204 (2024). https://doi.org/10.1038/s41558-023-01910-2";

Soviel zum Thema, dass Leugnung des Klimwandels ausschließlich dadurch gekennzeichnet ist, dass die Personen unbedingt wollen, dass es nicht stimmt.
Soweit ich das überflogen habe, habe ich aber ein bisschen Zweifel an der Studie.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

20.04.2024 09:37
#117 RE: ...und was nun? Antworten

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

08.06.2024 10:53
#118 RE: ...und was nun? Antworten

Swing tanzen verboten und andere Strategien der Parteien von Prof. Dr. Christian Rieck

Sehr spannender Beitrag.

Johanes Offline




Beiträge: 2.504

22.06.2024 11:21
#119 Einigkeit und Recht und keine Freiheit? Antworten

Professor Rieck über das Ersetzen von "Freiheit" mit "Vielfalt"


Jetzt bohrt Professor Rieck die ganz dicken Bretter:
Rassismus gegen Weiße | Prof. Dr. Christian Rieck

Es gehört leider schon ein gewisser Mut dazu, als Professor, als jemand mit einer bürgerlichen Existenz, zu diesem Thema überhaupt Stellung zu nehmen.
Davor zolle ich meinen Respekt.

Doch schon die Behauptung, dass hinter einem "ismus" im Deutschen eine Machtstruktur stehen muss, ist ganz einfach falsch.
Welche Machtstrukturen verbergen sich etwa hinter Alkoholismus, Hegelianismus oder gar Dialetheismus?

Dass jemand der keine Macht hat, diese Macht auch nicht missbrauchen kann, ist trivial.
Allerdings frage ich mich, ob selbst in einer hypothetischen ungerecht-ungleichen Gesellschaft nicht auch die allgemein Unterdrückten manchmal Macht über andere ausüben. Wir kennen das aus dem Zeitalter der Sklaverei, in dem manchmal freigelassene Sklaven später selbst zu Sklavenhaltern wurden.
Riecks Gegenbeispiele sind hier nicht besonders beeindruckend.

Im Kontext der "critical whiteness" [1], so habe ich mal gelesen, wird "weißssein" schlicht als Angehörigkeit zur gesellschaftlich dominanten Gruppe definiert.
Es ist natürlich richtig, dass hier eine unglückliche Vermengung zwischen empirischen Aussagen und Definitionen auftritt. Man macht sich nicht die Mühe, die realen Machtverhältnisse empirisch abzubilden, weil sie aus der Definition erwachsen und man wählt die Definition, weil man überzeugt ist, diese sei zur Beschreibung der Realität nützlich.

Die Sache mit der Ungleichheit bei der Bewerbung und die Behauptung, es handle sich um eine Verschwörungstheorie, ist zwar ein relativ gutes Argument, aber funktioniert nicht immer.
Erfahrungsgemäß wird das dann als legitim erachtet.

Das Kernargument von Rieck kann daher nicht funktionieren. Die Leute, die er überzeugen müsste, kennen das Argument und lachen bestenfalls darüber.



Quellen:
[1] "Weißsein bedeutet, eine gesellschaftliche Machtposition innezuhaben, von Privilegien zu profitieren, beziehungsweise nicht aufgrund des Weißseins benachteiligt und diskriminiert zu werden."
ze.tt, "Kritisches Weißsein: Was bedeutet es, weiß zu sein?" Von Tessa Högele (9. Juni 2020)
(Das ist übrigens der erste Treffer bei Google, nur falls sich jemand fragt, woher ich das habe...)

Emulgator Offline



Beiträge: 2.852

22.06.2024 12:25
#120 RE: Einigkeit und Recht und keine Freiheit? Antworten

Zitat von Johanes im Beitrag #119
Im Kontext der "critical whiteness" [1], so habe ich mal gelesen, wird "weißssein" schlicht als Angehörigkeit zur gesellschaftlich dominanten Gruppe definiert.
Das habe ich auch so gelesen, aber welche Merkmale sind es, durch die man zur gesellscchaftlich dominanten Gruppe gehört?

Ich glaube, das ist die Kernfrage. Ist es die Hautfarbe? Das Hobby? Das Vermögen? Das Einkommen? Oder ist es nicht schlichtweg die Ausübung von Dominanz? Wieviel Dominanz? Da hat man sicher unterschiedliche Abstufungen. Vermieter dominiert Mieter. Politiker dominiert Vermieter. Haus&Grund dominiert Politiker unter bestimmten Konstellationen (Zünglein an der Waage). Aber wer dominiert eine ganze Gesellschaft? Dominiert der Innenminister den Boss eines Kriminellenclans? Oder gehören die nicht zur Gesellschaft? Was ist das überhaupt?

Letztlich bleibt man bei dem, was die politische Ökonomie sowieso schon kennt. Oder noch böser gesagt: Diese ganzen Klassentheorien basieren nur darauf, ein Merkmal zu finden, das zwar mit dem Innehaben einer bestimmten Machtposition korreliert scheint, aber als Erklärungsansatz deutlich schlechter ist als andere Merkmale. Wenn man einen Arbeiter in die Position eines Staatschefs bringt, verhält er sich nicht mehr als Arbeiter, sondern als Staatschef. Vor allem wird Dominanz nicht unter Rücksichtnahme auf solche irrelevanten Merkmale ausgeübt. Wenn für die Unternehmensorganisation junge Männer nützlicher sind als junge Frauen, weil erstere nie in Mutterschutz kommen, wird das Unternehmen heimlich junge Männer lieber einstellen, auch wenn das Unternehmen von einer Frau geführt wird (selber so erlebt).

Das verhängnisvolle ist, dass in einer ganzen Wissenschaftsdisziplin so einfache Fragen nicht gestellt zu werden scheinen.

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